[220]  Der Neffe Heinrich zur Oeveste schrieb seinen Eltern am 19. November 1876: "Von dem Onkel aus Indiana habe ich diese Woche auch einen Brief erhalten, er scheint noch ziemlich rüstig zu sein, da er noch versteht Witze zu machen." (Familie Schütte: Briefe des Heinrich zur Oeveste)

[221]  Die Weltausstellung in Philadelphia fand von Mai bis Oktober 1876 statt. 100 Jahre Vereinigte Staaten von Amerika wurden in der Stadt dargestellt und gefeiert, in der 13 britische Kolonien am 4. Juli 1876 (New York: 9. Juli) ihre Unabhängigkeit erklärt hatten. Mittelpunkt war eine 430 m lange und 110 m breite aus Holz konstruierte "Maschinery Hall", in der amerikanische Erfindungen ausgestellt waren (u.a. das Telephon, die Schreibmaschine, ein Vervielfältigungsgerät) und die bisher größte Dampfmaschine (2500 PS), die von der überragenden industriellen Leistungsfähigkeit der USA Zeugnis geben sollten. 10 Millionen Menschen haben die Ausstellung besucht, täglich ca. 54000. (Schlesinger 331)

[222]  Am Sonnabend, den 7. Oktober 1876 (J. H. zur Oeveste wird diesen Brief am Sonntag, den 8. Oktober geschrieben haben) veranstalteten die Republikaner und die Demokraten von Bartholomew County jeweils große Wahlversammlungen und Parteifeste während des Wahlkampfes für die Gouverneurs- (10. Oktober) und Präsidentenwahlen (7. November). - Die Republikaner riefen in ihre Hochburg, nach Hope im Haw Creek Township, gut 15 km nordwestlich von Columbus. Ihre Zeitung, "The Columbus Republican", schrieb am 5. Oktober: "Großer Fackelzug am Abend. Kommt alle. Kommt zu Pferde, kommt zu Fuß, kommt im Wagen, kommt, wie immer Ihr wollt und bringt gut gefüllte Körbe mit und laßt es uns zum großen Liebesmahl dieses Wahlkampfes machen". - J. H. zur Oeveste ist dem Ruf der Demokraten nach Columbus gefolgt, wo die Partei für das Festessen sorgte. "The Columbus Republican" machte sich darüber lustig: Von den "Schweinen, Rindern und Schafen, die dort gebraten werden sollen", werde die Partei noch "einiges überschüssige Vieh benötigen", bevor ihr Kandidat im Gouverneurs-Sessel sitzen könne.
Der "Republican" gestand am 12. Oktober die Niederlage ein: die Demokraten gewannen die Gouverneurswahlen mit 5139 Stimmen vor den Republikanern (213 219 : 208 080). Sie gewannen in Bartholomew County mit einer Mehrheit von 412 und in Wayne Township, wo J. H. zur Oeveste lebte, mit einer Mehrheit von 175 Stimmen (vgl. Anm. 75). Die Zeitung schrieb, jede Partei habe versucht, "Ehre und Stolz, Haß und Habgier, Angst, Urteilsfähigkeit und Dummheit anzusprechen". Wer aus der "Alten Welt" komme und keine "freie vom Volk gewählte Regierung" kenne, dem müsse der Wahlkampf wie eine "Krise" erscheinen, "ohne Aufruhr, Blutvergießen oder gar Revolution; ... und jeder (sei) bereit, das Ergebnis anzunehmen". Beispielhaft für andere Staaten habe man "ein Exempel statuiert". Überall habe "Gesetz und Ordnung" triumphiert: "So wird die Große Republik gesichert sein". - Vgl. Anm. 191.
Mit "dreizig bis vierzig Tausend" Teilnehmern am "grossen fest" der Demokraten dürfte J. H. zur Oeveste zu hoch gegriffen haben: Bartholomew County hatte 1870 nur 21 133, im Jahre 1880 erst 22 777 Einwohner.
(Barnhart II 306; Carleton 134; Columbus Republican; Seymour Weekly Times, 14. Oktober 1876)

[223]  "Ticket": hier = Wahlliste, Parteiprogramm. - Die Republikaner hatten am 16. Juni 1876 auf ihrem Parteikonvent in Cincinnati den Gouverneur des Staates Ohio, Rutherford B. Hayes (1822-1893), für das Präsidenten-Amt und William A. Wheeler aus New York zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten nominiert. Am 29. Juni folgten in St. Louis die Demokraten, die Samuel B. Tilden (1814-1886), Gouverneur von New York, als Präsidenten und Thomas H. Hendricks, Gouverneur von Indiana (1872-1876), als Vizepräsidenten auf ihr "ticket" setzten.
J. H. zur Oeveste erwähnt nicht die "Greenback Party". Sie war aus einer bäuerlichen Selbsthilfe-Organisation in Indiana hervorgegangen, die sich seit 1869 bemühte, das Sozial- und Erziehungswesen auf dem Lande zu verbessern, genossenschaftlich zu kaufen und zu verkaufen und für niedrigere Frachtraten der Eisenbahnen zu kämpfen. Im Juni 1874 gründeten deren Mitglieder die "Independent Greenback Party of Indiana" und im März 1875 Delegierte aus 12 Staaten in Cleveland/Ohio, die "National Greenback Party". In Indianapolis wählten am 17. Mai 1876 Delegierte aus 18 Staaten Peter Cooper (1797-1883) aus New York zu ihrem Präsidentschafts-Kandidaten. Er war 1821 durch den Kauf einer Leimfabrik in New York wohlhabend geworden, hatte 1830 nachgewiesen, daß Eisenbahnen auch Kurven mit einem Radius von weniger als 91 Meter fahren konnten und damit den Bau der Baltimore-Ohio-Eisenbahn gerettet (vgl. Anm. 12), produzierte in seinen Stahlwerken die ersten Eisenträger für Hochbauten, beteiligte sich am Bau einer modernen Wasserversorgung für New York, unterstützte unermüdlich die Verlegung des ersten Transatlantikkabels (vgl. Anm. 99) und finanzierte 1859 die "Cooper Union" für den Fortschritt der Wissenschaften zunächst als Bildungseinrichtung für Arbeiter. Er kämpfte gegen Korruption in New York, gegen die Wirtschaftsinteressen des großen Kapitals und die Ausbeutung der Arbeiter nach dem Bürgerkrieg. Im Alter von 85 Jahren ließ er sich von den "Greenbacks" zum Präsidentschaftskandidaten nominieren.
Die Wahlen vom 7. November 1876 brachten Samuel Tilden 4 288 546 (51%) Stimmen, Rutherford Hayes 4 034 311 (48%) und Peter Cooper 45 973 (1%).
Tilden hatte 184 Wahlmännerstimmen, Hayes 185 erreicht, ohne die Ergebnisse in South Carolina, Florida, Louisiana und Oregon. Dort war es auf beiden Seiten zu Wahlbetrug und zu Einschüchterungen (vor allem schwarzer Wähler) gekommen. Am 2. März 1877 erklärte eine Wahlkommission des Kongresses den Republikaner Rutherford B. Hayes zum gewählten Präsidenten; die 7 demokratischen und die 8 republikanischen Mitglieder hatten die umstrittenen Stimmen jeweils ihrem Kandidaten zugesprochen.
Um die "Verfälschung des Volkswillens" (Demokratische Partei) und um Hayes als Präsidenten auch im (demokratischen) Süden akzeptabel zu machen, aber auch beeinflußt durch die liberalen Republikaner unter Führung von Carl Schurz (vgl. Anm. 216), gewährten die Republikaner dem Süden den Abzug der letzten Bundestruppen, die Aufnahme eines Südstaatlers in die Regierung, die Bevorzugung südstaatlicher Lokalpolitiker und die Förderung von Industrie und Eisenbahnbau. Südstaatler versprachen mündlich fairen Umgang mit den 4 Millionen Schwarzen, und Hayes erklärte schriftlich, er wolle sich aus diesen Vereinbarungen heraushalten. Die Republikaner zogen sich aus dem Süden zurück. Sie verzichteten auf weitere "reconstruction"; sie wollten an der Macht bleiben (vgl. Anm. 190).
(Barnhart II 201-204; Boyer 559ff.; Carleton 117-134; Mack 294f.; Morison II 84ff.; Schlesinger 331-335)

[224]  Die Liberal-Republikaner waren 1872 gescheitert (vgl. Anm. 216), aber nun als innerparteiliche Fraktion einflußreich, bestärkt durch Korruption und Skandale in der Grant-Administration (vgl. Anm. 226). Angeführt von Carl Schurz, unterstützten sie Rutherford B. Hayes, obgleich er im Wahlkampf zusammen mit den radikalen Rekonstruktions-Republikanern die Gefahr einer Rebellen-Nation im Falle eines Wahlsieges der Demokraten beschwor. Diese schwenkten das "blutige Hemd des Unions-Veteranen". "für veränderung oder besserung" (J. H. zur Oeveste) blieb genug, vor allem bei den liberalen Republikanern: die Verwaltungsreform, um der Korruption ein Ende zu machen, und die Senkung der Einfuhrzölle, um Industrieprodukte zu verbilligen. Als Liberale wollten sie den Eingriffen des Staates Grenzen setzen. Darum wehrten sie sich auch gegen die (inflationäre) Vermehrung des Papiergeldes zugunsten der Schuldner und gegen weitere Schutzmaßnahmen zugunsten der schwarzen Bevölkerung.
Samuel Tilden hatte sich im Kampf gegen die Korruption um William Marcy Tweed in der Demokratischen Partei und in New York hervorgetan (vgl. Anm. 226). Auch er vertrat eine deflationäre Währungspolitik und ein Ende der Rekonstruktion in den Südstaaten.
Republikaner und Demokraten waren über Parteigrenzen hinweg vor allem in der Frage der Währungspolitik zerstritten (vgl. Anm. 203). Die Mitglieder des Kongresses aus den Farmer-Staaten des Mittleren Westens setzten sich für das inflationäre Papiergeld ("greenbacks") ein. Nachdem der Republikaner Carl Schurz am 2. Oktober 1876 in Seymour in J. H. zur Oevestes Nachbarschaft nachmittags "vor einer gewaltigen Menge" als Wahlkämpfer aufgetreten war, schrieb die "Seymour Weekly Times" am 7. Oktober, Schurz sei "der bezahlte Advokat des Kapitals". Er repräsentiere die "Bank-Barone", die "Obligations-Inhaber", die "wie die alten Sklaventreiber" aufträten. Denen werde die Goldwährung zugeschoben, während man die greenbacks aus dem Markt nehme und verbrenne und das Silber abwerte: das Geld der Arbeiter und Steuerzahler. "Bond holder" hätten 1862 Hundert-Dollar-Anleihen für 40 Dollar gekauft und seit 14 Jahren Zinsen darauf bezogen, so daß die Einlösung in Gold-Dollar ihnen jetzt für 40 Dollar des Jahres 1862 gut 700 Dollar einbringe. Der Arme verliere sein Brot, der Farmer sein Haus, und Tausende seien unterwegs auf der Suche nach Arbeit. Carl Schurz aber habe hier in Seymour ausgesehen, "als sei er gerade aus den Geschäftsräumen einer staatlichen Bank gekommen".
Die im Bürgerkrieg und in den ersten Nachkriegsjahren eindeutig republikanische Zeitung meinte am 30. September 1876, der Demokrat Tilden tauge allenfalls "als vornehmer Botschafter am Hofe von St. James" in London, und Hayes sei von ihm nicht zu unterscheiden. Wer den beiden seine Stimme gebe, werfe sie weg: der gebe sie "den Anleihe-Besitzern, Gold-Spekulanten, Shylocks und Monopolisten". (Shylock: Jüdischer Geldverleiher in W. Shakespeares Schauspiel "Der Kaufmann von Venedig", 1597, der auf der Erfüllung seines im Schuldschein festgelegten Anspruchs auf ein Pfund Fleisch vom Leib des säumigen Schuldners besteht. Shylocks Rechtfertigung: "Wenn Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir Euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wirs Euch auch darin gleichtun! Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache! Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nun? Rache! Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben ..."; III, 1.) Wer sie aber Peter Cooper gebe, könne am Wahltag sagen: "Ob Sieg oder Niederlage, unsere Genugtuung haben wir in dem Gefühl, unsere Pflicht getan zu haben." Die Zeitung druckte Wahlliste und Wahlprogramm der "Independent Greenback Party".
Die "Seymour Weekly Times" bekämpfte die Demokraten und distanzierte sich von "ihren" Republikanern.
Samuel Tilden (Demokrat) errang in Indiana 213 526 Stimmen. Rutherford Hayes (Republikaner) 208 011; Peter Cooper (Greenback) brachte es nur auf 9 533. Die meisten Wähler fanden ihren Protest in den beiden großen Parteien hinreichend vertreten.
(Boyer 559f.; Morison II 84ff.; Schlesinger 331ff.; Seymour Weekly Times; Trefousse 226-234)

[225]  J. H. zur Oeveste spricht hier von der  Weltwirtschaftskrise der Jahre 1873-1879.
Der industrielle Führungssektor Kohle/Eisen/Stahl war nach den Jahren der Hochkonjunktur der 50er und 60er Jahre in eine Phase mehr als zwanzigjährigen stark reduzierten Wachstums hineingeraten, mit weiteren Stagnationen und Schrumpfungen in den Krisenjahren 1882-1886 und 1890-1895, bevor 1897-1913 Elektrotechnik, Großchemie und Motorenbau als Führungssektoren eine neue Hochkonjunktur bewirkten. "Zwischen 1870 und 1897 fiel die jährliche Wachstumsrate im Welteisenbahnbau von den 8,8% der Hochkonjunkturperiode fast um die Hälfte auf 4,7%, ... das Wachstum der Weltproduktion insgesamt ... zwischen 1873 und 1896/97 von 4,6% auf 3,1%" (Wehler).
Der Eisenbahnbau hatte von 1860 bis 1870 die Konjunktur vorangetrieben. Das Schienennetz der USA wuchs zwischen 1860-1870 von 49 292 auf 85 130 km, das in Europa von 51 862 auf 104 914. Es war zu einem disproportionalem Wachstum, zur Überinvestition, Überkapazität und Überproduktion auch in den auf die Eisenbahnen bezogenen und in den von ihnen abhängigen Wirtschaftsbereichen gekommen, "sodaß Absatz und Konsum mit der voraneilenden Produktion nicht Schritt halten" konnten (Wehler). In den USA und in Europa "eilte der Bahnbau im Rausch des Eisenbahnfiebers den Bedürfnissen, die er ... zum guten Teil erst schaffen sollte, weit voraus" (Wehler).
In Wien waren schon am 23. April 1873 die Börsenkurse eingebrochen und bis Ende Oktober 1873 schließlich Industrieaktien um 49% gefallen, nachdem in den USA das Bankhaus Cooke (Philadelphia) am 18. September 1873 seine Schalter geschlossen hatte ("panic"). Jay Cooke hatte 1869 die in Bau befindliche Northern Pacific-Eisenbahn übernommen, spekulativ überhöhte Aktienkäufe provoziert und im September 1873 wegen unerwartet gestiegener Baukosten und unzureichender Gewinne aus dem Eisenbahngeschäft seinen Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen können. Aktien und Anleihen hatte er nicht mehr hinreichend verkauft: Investitionskapital war von Anlegern zurückgehalten worden. Investoren aus den USA und aus Europa verloren viel Geld, weitere Banken schlossen, Unternehmen reduzierten die Produktion, gingen in Konkurs, Einkommen sanken, Preise fielen, vor allem auch für Agrarprodukte, Arbeiter wurden entlassen. Importe aus Europa gingen um 44% zurück, und die Hälfte aller Hochöfen war erloschen. Industriearbeiter streikten; 1877 kam es zu blutigen Zusammenstößen (ca. 100 Tote) mit der Polizei und der Armee.
(Boyer 554f., 632f.; Morison II 82f.; Schlesinger 324f., 336; Wehler 1976, 43-53)

[226]  Der im Wirtschaftsboom der 60er Jahre vor allem von Aktiengesellschaften betriebene Eisenbahnbau und die weitgehend mit dem Kapital des Nordens betriebene "reconstruction" des Südens hatte der Spekulation Auftrieb gegeben. "Die Sucht, etwas aus nichts hervorzuzaubern" (Morison), war weit verbreitet, und staatliche und öffentliche Aufsicht steckten noch in den Anfängen; Betrug, Bestechung und Korruption hatten gute Chancen in einer Gesellschaft, in der Risikobereitschaft und private Initiative viel galten. "Wie alle Parteien, die eine lange Zeit hindurch ungestört die Macht genießen, ist (die republikanische Partei) korrupt geworden, und ich glaube, sie ist heute die korrupteste und verdorbenste politische Partei", hatte Senator Grimes im Juli 1870 geschrieben. Er sollte bestätigt werden. Die 8 Präsidentschaftsjahre des Bürgerkriegs-Generals Ulysses S. Grant gerieten zur Skandalchronik. Er hatte sie nicht verursacht, aber politisch zu verantworten (vgl.das Stichwort "Skandale").
Die Demokratische Partei hatte ihren eigenen abenteuerlichen Skandal. William Marcy Tweed (1823-1878) hatte Buchhalter gelernt und es 1856 geschafft, in einen Untersuchungsausschuß gewählt zu werden, der auf Wahlfälschungen achten sollte. Der Ausschuß wurde unter Tweed zum Instrument der Korruption. Der "Boss" brachte Freunde, die in seine Betrügereien verwickelt und also von ihm abhängig waren, in einflußreichen Ämtern unter. Seit 1860 entschied er bei den Demokraten die Nominierungen, und seit 1868 beherrschte er den Staat New York durch Ämterhäufung und Bestechung, Wahlfälschung und Nötigung. Seine Druckerei erhielt alle staatlichen Aufträge, aber auch viele von Unternehmen, die von den Behörden berücksichtigt werden wollten. Aufträge gingen vor allem an seinen Marmor- und Baustoffhandel, zu weit überhöhten Preisen. Seine Anwaltskanzlei hatte zahlungskräftigen Zulauf. Er wurde Direktor von Banken, Gaswerken und Straßenbahngesellschaften. Er half mit, den Bau der Brooklyn Brücke durchzusetzen; es brachte ihm 40 000 Dollar ein. Seit 1869 mußten alle Rechnungen, die an Stadt und County New York gingen, um 50-85% überhöht sein: vier Teile des Gewinns gingen an Tweed und seine Freunde, der fünfte Teil blieb in der Bestechungskasse. Mehr als 600 000 Dollar wurden bezahlt, um eine neue Satzung der Stadt New York durch das Stadtparlament zu bekommen und damit den "Tweed Ring" abzusichern. Hochzeitsgeschenke prominenter Bürger der Stadt an Tweeds Tochter sollen 700 000 Dollar wert gewesen sein (Mai 1871).
Am 16. Dezember 1871 wurde William Marcy Tweed verhaftet, und nachdem ein erster Prozeß an der Uneinigkeit der Geschworenen gescheitert war, am 22. November 1873 zu 12 Jahren Haft und zu einer Geldstrafe in Höhe von 12 750 Dollar verurteilt. Davon blieben in der Berufungsverhandlung ein Jahr und 250 Dollar. Der Schaden für Stadt und Staat New York wird auf 30 bis 200 Millionen Dollar geschätzt.
Nachdem Tweed im Januar 1875 seine Strafe abgesessen und bezahlt hatte, wurde er erneut verhaftet, um im Rahmen einer Zivil-Klage der Stadt New York 6 Millionen Dollar einzutreiben; 3 Millionen Dollar Bürgschaft hatte er nicht aufgebracht. Er hatte häufig Ausgang, nutzte einen Besuch in seinem Haus zur Flucht durch die Hintertür, gelangte nach Cuba und, als Seemann verkleidet, nach Spanien. Eine Karikatur von Thomas Nast in "Harper's Weekly" vom 1. Juli 1876 wurde ihm zum Verhängnis. (vgl. die Abb.). Er wurde erkannt, verhaftet und im November 1876 in die USA zurückgebracht. (Der "Weltbote" hatte darüber am 20. September 1876 berichtet.) William Marcy Tweed starb am 12. April 1878 in dem Gefängnis, das er hatte bauen lassen; die Marmor-Tafel am Portal trug auch seinen Namen.
In der Urteilsbegründung hatte der Richter den Anteil der Presse an der Aufdeckung der Skandale betont. Der in Landau geborene Karikaturist Thomas Nast (1840-1902) hatte im Januar 1870 mit Angriffen gegen Tweed in "Harper's Weekly" begonnen und sie bis zu dessen Tod durchgehalten. Die "New York Times" schloß sich im September 1870 an. Versuche, die Zeitung mit 5 Millionen und den Karikaturisten mit 500 000 Dollar zu bestechen, schlugen fehl. Im Juli 1871 legte die "New York Times" Beweise vor. Samuel J. Tilden (vgl. Anm. 222) stellte sich nun auch gegen seinen Parteifreund. Vor allem die deutsche Fraktion der Demokraten in New York schloß sich ihm an. Sie bekämpfte dabei zugleich den von Tweed beherrschten und in der Partei vorherrschenden irischen Flügel. Es waren vor allem Geschäftsleute und Grundbesitzer, die umfangreiche Steuererhöhungen auf sich zukommen sahen.
(Boyer 552f.; Harlow 79-82; Morison II 79-84; Nadel 149-154; Schlesinger 319-333; Seymour Weekly Times, 29. November 1873; Weltbote)