[212] Vgl. Anm.
210.
[213] Im "Lutheraner" hat Prof. Dr. Wilhelm
Sihler am 15. Januar und am 1. und 15. Februar 1871 dem "Krieg Deutschlands
wider Frankreich ... aus Gottes Wort die rechte Beleuchtung und Beurtheilung"
zukommen lassen. Deutschland sei "nur der Hammer Gottes zur Demüthigung
Frankreichs" gewesen, von dem "vor etwa 150 Jahren der Unglaube wider den
wahren Bibelgott" ausgegangen sei: die "Hurerei" eines Ludwig XV., der
"Christushass" eines Voltaire, der "Gleichheits- und Freiheits- Wahn" der
französichen Revolution, "die Abgöttische Verehrung Napoleons
I.", die "Erneuerung des alten Revolutionskitzels, in Folge davon die Franzmänner
von Neuem Republik spielten" (1830/1848), schließlich "das in reißender
Schnelle zunehmende Sittenverderben in Hurerei, Ueppigkeit, Sinnenlust,
Eitelkeit, Leichtsinn, hochmüthiger Selbstüberhebung und Verachtung
anderer Völker, Eroberungslust u.s.w.", vor allem in Paris, einer
"Kloake des Teufels" und "Grundsuppe des sittlichen Verderbens", diesem
"Sodom der Neuzeit", das "die Rache des gerechten Gottes ... herabfordert".
Dem "alten Erbfeind Deutschlands" sei nun ein Deutschland mit einem "Schrei
der sittlichen Entrüstung" entgegengetreten, das "in rechtschaffener
Gottesfurcht dem Herrn die Ehre" gebe, "der sowohl die Schlachten zum Siege
der deutschen Waffen lenkte als auch Weisheit zu einer aufrichtigen Friedenspolitik
verlieh, ... die aber vom verblendeten Feinde hartnäckig verworfen"
worden sei. Der "Nachweis" sei geführt, "daß ... der heilige
und gerechte, aber zugleich gnädige und barmherzige Gott noch im Regiment
sitzt (und) seine Strafgerichte über ein von Ihm abgefallenes und
vermessenes Volk durch ein anderes Volk ausführt ... nur in dem Absehen,
jenem durch seinen Ernst Gnade zur Buße zu geben". Preußen
sei "an dem Ausbruche dieses furchtbaren Krieges völlig unschuldig".
Deutschland gehe mit "aufrichtiger Gottesfurcht" auf einer "sittlich gerechten
Grundlage" in diesen Kampf. Wenn es gesiegt habe, sei "das Erste und Nächste
... ein gläubiges und aufrichtiges: 'Nun danket alle Gott', das Andere
... eine ernste und herzliche Selbstdemüthigung vor dem heiligen Gott",
um nicht "seine Einigung und ... Machtstellung in Europa zu seinem National-Götzen
(zu) machen ... und in die Fußstapfen Frankreichs (zu) treten". Dann
werde "der Herr aller Herren noch stark genug sein, ... es von Neuem einem
auswärtigen Feinde unter die Füße zu werfen, daß
er es zertrete".
J. H. zur Oeveste wird diese Zeilen gelesen und ihnen zugestimmt haben;
entsprechend haben er und "Der Lutheraner" über den Bürgerkrieg
gedacht (vgl. Anm. 121).
In Cincinnati hatten Deutsche am Samstag, den 4. Februar 1871, "den
Erfolg der deutschen Waffen" mit deutschen und amerikanischen Flaggen und
mit vielem "Hurra fürs Vaterland ... gefeiert", berichtete die Zeitung
"The Woodford Weekly" (Versailles, Kentucky) am 10. Februar 1871. Der "Weltbote"
schrieb am 8. Februar 1871 von "einem Umzug aller Gesellschaften", von
"Illuminationen und einer Massenversammlung", auf der auch "der Ehrw. Vater
Schwenninger von der katholischen Kirche" eine Rede gehalten habe. 4 Jahre
später schrieb D. J. Kenny in seinem Reiseführer, dem "Pictorial
Hand-Book of the Queen City", daß immer noch in den Bier-Gärten
des deutschen Viertels "Over the Rhine" die "Wacht am Rhein" gesungen werde
und ein Vers, den "jeder wahre Deutsche" liebe: "Sie sollen ihn nicht haben/den
freien Deutschen Rhein". 1870/71 sei hier der Jubel über deutsche
Siege nicht weniger groß gewesen als in Berlin. So entzückend
("charming") diese patriotischen Gesänge auch seien, "man sollte ihnen
kurz zuhören - und dann weitergehen".
Vergleiche das Stichwort "Deutsch-Französischer Krieg 1870/71".
(Böhme 250f.; Kenny 133f.; Schieder 169f., 179-190; Schot; Sihler
1871, 76ff., 82ff., 93f.; Verein für das Deutschtum im Ausland 138;
Weltbote; The Woodford Weekly)
[214] Der Neffe Heinrich zur Oeveste hatte
im Frühjahr 1871 seine Eltern in Rieste besucht. Am 3. Juli 1871 war
er mit dem Dampfer "Cimbria" aus Hamburg in New York eingetroffen. Am 27.
Juli 1871 war er in Versailles/Kentucky zurück, begrüßt
von der Lokalzeitung "The Woodford Weekly" (28. Juli 1871): "Mr. Henry
Ovesta, an den wir uns als Verkäufer bei Landsberg und Sohn im letzten
Winter erinnern und der einige Monate später nach Preußen abgereist
ist, um seine Eltern zu besuchen, ist gestern zurückgekehrt. Der Ausflug
ins Vaterland scheint ihm bekommen zu sein". Im Brief an die Eltern vom
20. November 1871 schrieb er: "Ich bin hier jetzt so bekannt wie ein bunter
Hund wie man zu sagen pflegt, die hiesige englische Zeitung hatte einen
Aufsatz über meine Abreise nach Deutschland zu meinen Eltern, und
als ich zurückkam, hieß sie mich willkommen und bemerkte, daß
mir die Reise sehr gut bekommen, da ich dick und fett geworden". (Ein "Aufsatz
über (seine) Abreise" findet sich nicht in der Zeitung "Woodford Weekly",
von der für die Zeit von Januar bis Juni 1871 nur die Nummer 1 nicht
erhalten ist.) Er sei "seit einiger Zeit nicht mehr bei Landsberg", doch
es sei für ihn "sehr leicht" gewesen, in einem andern Geschäfte
eine Stelle als Verkäufer zu erhalten". - Vgl.
Anm. 208.
Heinrich zur Oeveste hatte Anton Schweers (20) aus Rieste mitgebracht,
den er im Frühjahr 1875 in seinem Laden (vgl. Anm. 215) beschäftigte:
"Bin bis jetzt sehr gut mit ihm zufrieden, und es scheint, daß es
ihm auch recht gut hier gefällt, er läßt Euch alle grüßen",
schrieb er am 18. April 1875 seinen Eltern.
(NAMP: M 237, R. 345 "Cimbria"; Familie Schütte: Briefe des Heinrich
zur Oeveste; The Woodford Weekly)