"Es veranlast mir ietzt einen Brief an euch zu Schreiben weil ich es als Pflicht nicht unterlassen kan".
Diese "Pflicht" hat uns die Briefe des Bauernsohnes Johann Heinrich zur Oeveste (1801-1878) beschert. Er ist 1834 aus Rieste im Kirchspiel Bramsche, Königreich Hannover, Europa, nach Amerika gegangen, um sich zunächst einmal "die Welt weiterzubesehen", wie er im ersten Brief unmittelbar nach der Ankunft in Baltimore schreibt. Und er ist in Amerika geblieben. Regelmäßig hat er den Verwandten in Deutschland geschrieben, über das Leben in Amerika im Allgemeinen, über Familiäres, über seine Fortschritte als Arbeiter und Siedler. Und diese Briefe des Auswanderers wurden innerhalb der Familie sorgfältig gehütet, in Rieste, in Fladderlohausen, aber auch in Columbus/Indiana.
Wenn auch die Antwortschreiben der Daheimgebliebenen nicht erhalten sind, so ergeben die Briefe aus Amerika doch einen faszinierenden Einblick in das Leben der ersten und zweiten Auswanderergeneration. Antonius Holtmann schildert in seiner Einleitung die Gründe, die zur Auswanderung führten, und erläutert in Anmerkungen und kurzen Aufsätzen die historischen und familiären Zusammenhänge der Briefe.
Lebensüberblick/curriculum vitae
Johann Heinrich zur Oeveste (1801, 1834-1878)
Der Arbeiter
Johann Heinrich zur Oeveste ist am 13. März 1834 als Arbeitsmigrant
nach Amerika gegangen. Er hatte nicht im Elend gelebt und er hätte
nicht verelenden müssen, wenn er nicht gegangen oder wenn er zurückgekehrt
wäre. Das elterliche Colonat in Rieste bei Bramsche in der Landdrostei
Osnabrück, das der Vater schon bald freikaufen konnte, hätte
ihm, auch über die weitläufige bäuerliche Verwandtschaft,
wenigstens Obdach und Arbeit gewährt.
Vieles
deutet darauf hin, daß er einen Bauernhof haben wollte. Dafür
hat er viel auf sich genommen: Arbeit auf einer Farm und in einer Whiskey-Brennerei,
beim Kanal- und Eisenbahnbau, im Stahlwerk und in einer Farbenfabrik, zum
Teil als Wanderarbeiter im Süden am Mississippi, und dies häufig
bei "schlechter Kost und Schläferei". Den elterlichen Hof in Rieste
hat er nicht erben können. Mit Bekannten, wohl auch mit Freunden,
ist er auf dem Schiff, andere empfangen ihn in Baltimore. Gemeinsam gehen
sie übers Gebirge an den Ohio, das Gepäck auf einem gemieteten
Wagen. In Cincinnati finden sie bei einem Gastwirt aus Bramsche Quartier.
Sie ziehen weiter in den Staat Ohio hinein, wo ein Sohn der Heuerleute
des elterlichen Colonats ihnen weiterhilft. J. H. zur Oeveste bleibt unter
Landsleuten und unter Lutheranern. Er ist dabei, als sie in Cincinnati
die "Norddeutsche Lutherische Kirche" gründen, ihre "Osnabrücker
Kirche", die "Plattdeutsche Kirche".
Der Siedler
J. H. zur Oeveste hat nicht leichtsinnig gehandelt. Erst verdient er
Geld, um sich "in einen Busch einzuhacken", dann kauft er bei Columbus
in Indiana Land, danach beantragt er die amerikanische Staatsbürgerschaft,
und zwei Wochen später heiratet er eine Osnabrückerin, die er
in der "Osnabrücker Kirche" kennengelernt hat. Er zieht mit seiner
Frau auf seine mit Nachbarschaftshilfe gerodete Lichtung in den Urwäldern
von Indiana, verdreifacht in 15 Jahren seinen Besitz. Die Rodung nimmt
kein Ende, Garten- und Ackerbau und Viehhaltung haben ihre Grenzen in der
verfügbaren Arbeitskraft, solange Maschinen noch nicht zur Verfügung
stehen. Ein Knecht im Sommer muß genügen. Die Tochter Sophia
(geboren 1845) kann erst Ende der 50er Jahre helfen, der Sohn Heinrich
(geboren 1852) erst Mitte der 60er Jahre: Von sieben Kindern sterben zwei.
Die Arbeit ist hart und immer zuviel, und doch schreibt er am 25. Februar
1847: "Der liebe Gott ist mit mir in Amerika", und: "Mir hat niemand zu
befehlen". Er ist sein eigener Herr auf eigenem Grund und Boden. Er hat
die Tochter von Heuerleuten geheiratet, die ihm in Deutschland keinen Hof
verschafft hätte und der er im Osnabrücker Land keinen Hof hätte
bieten können. Hier, in der Osnabrücker Siedlung am White Creek,
lebt er "vielleicht besser, als wenn" er im Kirchspiel Bramsche "eine aus
den ansehnlichsten Familien geheiratet hätte".
Der Bürgerkrieg
J. H. zur Oeveste zeigt sich in seinen Briefen nicht als ein Mann der
großen Worte und des gefühlsbetonten Überschwangs. Den
Bürgerkrieg bringt der auf den Punkt: es gehe zunächst einmal
nicht um die Abschaffung der Sklaverei, sondern darum, deren Ausweitung
zu verhindern, und wenn die Schwarzen keine Sklaven (mehr) seien, bedeute
dies noch nicht die Gleichberechtigung; sie seien eben "Negers". Die Soldaten
fallen nicht für die Union und nicht für die Freiheit, sie werden
nur "totgeschlagen". Schlimm findet er vor allem, "daß der Ackerbau
nicht mehr gehörig betrieben werden kann". Das ist nicht sein Krieg,
bei aller zurückhaltenden Parteinahme für den Norden, sondern
ein Strafgericht Gottes, "der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbäche".
Der Lebensabend
Nach Ende des Bürgerkrieges (1865) ist J. H. zur Oeveste mit seinem
Sohn männliche Hilfe herangewachsen. Bis zum "Rentenalter" hat er
nahezu allein mit seiner Frau die schwere Last der Rodung und der Landwirtschaft
getragen. Er ist müde geworden, fügt sich der Vorsehung Gottes,
wie er es von Kindesbeinen an schon in der Nebenschule in Rieste und in
St. Martin in Bramsche gelernt und in St. Johannes am White Creek gut altlutherisch
gehört hatte. Verhalten stolz nennt er die amerikanische "Regierungsform
... wohl die beste in der Welt", sieht aber doch zu viele "Spitzbuben"
der "angelsächsischen Partei" an der Macht. Als Anhänger der
von Katholiken und Lutheranern bevorzugten "Demokratischen Partei" mag
er die "Republikaner" damit meinen; vielleicht schreibt er aber auch den
Deutschen mehr Treu und Redlichkeit zu. Auf seinem Grabstein (1878) auf
dem Friedhof der St. Johan-nes Gemeinde am White Creek steht der Leichentext
Offenb. Joh. 14,13: "Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von
nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn
ihre Werke folgen ihnen nach". Sein Auswanderer-Leben kann für viele
stehen. Er wird Psalm 90,10 häufig gehört und gelesen haben:
"Unser Leben währet siebenzig Jahr, und wenn es hochkommt, so sinds
achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ists Mühe
und Ar-beit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen
wir davon."
Der Erbe
Der einzige Sohn erhält die Farm. Er versorgt die Mutter, und
die Töchter erhalten ihr Erbteil. Einen langen Brief schreibt er nach
Rieste, in dem er berichtet, wie er Landwirtschaft betreibt, stolz auf
das, was seit Vaters Anfängen im Busch aus der Lichtung mit ihren
abgestorbenen Bäumen und mit dem ewigen Brandgeruch und was aus der
rohen Blockhütte geworden ist, stolz auf die Maschinen, die ihm die
Arbeit erleichtern und die zu bearbeitende Fläche vergrößern,
stolz auf die Erfolge der Geschwister, die in der Nachbarschaft verheiratet
sind oder in der Kreisstadt ein gutgehendes Geschäft betreiben. Die
Tochter Sophia Louise ist mit ihrem Geschäft an Columbus/Indiana gebunden.
Ihre Geschwister ziehen zu Beginn der 90er Jahre "in das gelobte Kansas".
Der Erbe kehrt nach einem Jahr zurück, enttäuscht von der Dürre.
10 Jahre später wagt er es noch einmal. In Lincoln/Kansas ist er 1916
gestorben.
Die Mutter
Nicht weniger Mühe und Arbeit ist das Leben für Regina Louisa
zur Oeveste, geb. Geist, gewesen. Sie hat die schwere Arbeit im Busch geleistet
und 7 Kinder geboren. Sie hat das Briefeschreiben ihrem Mann überlassen,
wohl kaum Englisch gelernt und ihr Leben im engen Kreis von Familie und
Nachbarschaft verbracht. In den Briefen ihres Mannes Johann Heinrich spielt
sie keine große Rolle, aber doch die ihr in diesem sozialen Milieu
zugewiesene und in Briefen darzustellen gewohnte. Der Bauernsohn betont,
daß der Heuerleute Tochter aus einer ehrlichen Familie komme und
daß er mit ihr in Amerika vielleicht glücklicher und friedlicher
lebe als mit einer Bauerntochter in Deutschland. Zweimal schreibt er von
Erkrankungen und einmal, daß sie "es gänzlich abschlug", ihn
nach Deutschland reisen zu lassen. 95 Jahre alt ist Regina Louisa zur Oeveste
geworden. Sie hat ihren Ehemann um 35 Jahre überlebt. Sie hat Last
und Einsamkeit des Alters getragen, auch die verletzende und schmerzende
Erfahrung, dem eigenen Kind zur Last zu fallen.
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Johann Heinrich zur Oeveste (1801-1878) und Louise Regina, geb. Geist
(1815-1910).
Dieses Foto haben die Eheleute zur Oeveste in einer gefütterten verschließbaren Holzschachtel aus den USA nach Rieste geschickt. Es ist koloriert. Der Schmuck könnte vom Photographen zur Verfügung gestellt worden sein. |
Baltimor, den 19ten Mey 1834
... der April hat gänzlich aus gestürmet und ob Wir schon
nach der ansage des Kapiteins und aller Matrosen wegen eines starken und
festgebauten Schifs in der ofnen See keine Lebensgefahr hattn so ist doch
ein Seesturm für einen ieden der es nicht mehr erfahren hat sehr Schauderhaft
und entsetzlich und dabey höchst unangenehm. man kan fast weder gehen
noch stehen Weder sitzen noch liegen. die Kisten welche nicht vorsichtig
fest gemacht waren fielen uebereinander. man konte fast weder eßen
noch Trinken.
Cincinnäty, den 2ten April 1836
... die mehrsten Deutschen welche hier Busch Land kauffen und nicht
Viel Geld ubrig behalten müssen am Kanaal Arbeiten oder wo sie nur
Arbeit kriegen können und können nur dan und wan auf Ihren eignen
Lande Arbeiten. doch wer erst so viel vertig hat das er sein Leben darauf
machen kan der lebt hier mangmal besser wie in Deutsland den das land ist
hier fetter und von Düngen weis man hier nichts. abgaben sind hier
geringe für einen Landman. es mag sein wie es will. wer bey euch einen
Platzt hat das er sein Leben machen kan und gedenkt denselben zu verkauffen
um nach Amerika zu reisen um sein Leben da zu verbeßern der jrrt
sich so weit wie ich es kenne und macht sich viel mühe in seinen Leben.
den so viel kan sich ein ieder selbst davon vorstellen das wer in einen
Wilden busch zieht mangmal bey fremden Leuten kein Vergnügen haben
kan wie einer der auf sein eigenthum bleibt wo er erzogen und gebohren
ist, ...
Cincinnati den 31ten October 1839
... Die Deutschen-Lutherischen haben diesen Sommer eine schöne
Kirche gebaut welche sie heissen die Norddeutsche-Lutherische Kirche. dieses
sind lauter platdeutsche und haben sich von den Hochdeutschen welche merst
kommen aus den südlichen Gegenden von Deutschland, getrennt; es sind
hier drey Deutsche-Lutherische-Kirchen eine Deutsch-Katholische, eine Juden
Sinagogen. von den Englischen Kirchen aber wie viel und wie mancherley
Sekten kan ich nicht genau schreiben. Es giebt viele von den Amerikanern
welche keine Religion annehmen, Verschiedene lassen sich Tauffen wen sie
erwachsen sind, Viele lassen die Kinder lehren aber keine Religion annehmen
welches sie ihnen in der Wahl lassen bis sie erwachsen sind. den es ist
hier ein Freies Land ein jeder kann glauben und denken was er will und
davon kommt es auch das es hier so mancherley Sekten giebt von welche man
bey Euch in Deutsland nichts zu sagen weiß. Ich aber sage bleibe
in dem das du gelernet hast und dir vertrauet ist. ...
Bathalimer Counti St Indiana. den 25ten September 1844
... besondere neuigkeiten weis ich für dies mahl nicht viel
mehr zu Schreiben als das beste. es gefält uns hier ziemlich gut.
ich Lebe mit meine Frau so glücklich und frietsam und vielleicht besser
als wen ich eine bei euch aus den ansehnlichsten Vamilien geheirathet hätte.
unser kleiner Knabe wächst zu unser größten Freude heran
er kennt schon einige Buchstaben und Spricht schon bisweilen von Deutsland.
...

Bathalimer Counti Weit Krick den 25ten Feberw. 1846
... ein ieder macht sein Leben hier besser wie in Deutsland. dieses
Glaubte ich die ersten Jahren auch nicht wie ich mich noch ledig hier in
diesen Lande herum trieb. ietzt kan ich euch mit Wahrheit Schreiben das
der Liebe Gott mit mir ist in Amerika. ich lebe Glücklich und Zufrieden
mit meiner Frau. meine Beiden Kinder Lachen mir Freundlich entgegen wen
ich ein und aus gehe. mir hat nie mand zu befehlen ...
Bathalime Caunti Wait Krick den 17 Jan 1857
... die Ve Staaten bestehen ietzt aus 31 Staaten und einigen Territorien
das heist neun Länder welche erst angesiedelt werden und nach her
wen sie so viel einwohner zählen in die Vereinigten Staaten aufgenommen
werden. in 15 Staaten haben sie das recht Schlafen zu halten. diese nent
man Schlafen Staaten und 16 wo keine Sklawerei ist nent man freie Staaten.
es sind ietzt Viele dafür die Sklawerei gänzlich abzuschaffen.
aber man besorgt das zwei Nation nemlich Schwarze und Weiße untereinander
nicht existieren oder vielmehr einander aufreiben. ich habe neulich in
einer Zeitung gelesen das auf den Congres viel davon gesprochen würde
was dan eigentlich die V.e. Staaten mit der Schwarzen Bevölkerung
welche sich auf einige Millionen beläuft an zu fangen sei und es würde
wohl das beste sein Sie wieder nach Afrika zu senden und sie dort zu einen
freien Volke machen. die Neger welche in den freien Staaten wohnen sind
keine Sklafen. sie bezahlen Tex und abgaben aber sie haben kein Stimmrecht.
sie be kommen auch nirgend eine anstellung. kurtzum sie sind Negers ...
Bathalimes Caunti Weite Krick September d. 30. 1867
... mein Sohn Heinrich ist erst 15 Jahr alt. er hat wenig in der
Schuhle gelernt. er hatte auch nicht viel lust und da bei keine besondre
gaben zum lernen. er ist ein starker Jüngling und ich hoffe er wird
in zu Kunft ein tüchtiger arbeiter das heist nicht allein auf den
Aker sondern auch in aller hand zimmerarbeit. das heist so viel er besitzt
etwas Geistes Gaben. aber man pflegt zu sagen es sind Schlechte brunnen
wo man das Wasser erst oben hinein tragen muß was man hernach gedenkt
wieder herauszu Schöpfen ...
Weite Krick Märtz 21. 1872
... von der beforstehenden wahl kan ich für diesmahl nicht
Schreiben weil die Canidaten noch nicht aus gemacht sind. zwar ist unsre
Regierungsform wohl die beste in der Welt weil wir ein Volck sind welches
sich Selbst regiehrt aber unter den beamten giebt es immer noch zu Viel
Spitsbuben und dieses uebel wie ich glaube liegt vieles in der Nation weil
die so genante Angelsächsische partei noch immer die Vorherschende
ist. weil wir nach Gottes Willen beinahe beide alt sind so möchte
ich Freundlich bitten mit den wieder Schreiben nicht so lange zu warten.
...