Antonius Holtmann

Franz Joseph Stallos „Lied aus Amerika“ (1831) und „Sinnreiche Einfälle“ des Franz Lahmeyer (1833). Trügerische „Erinnerungen aus dem deutschen Pionier-Leben in den Vereinigten Staaten“(1)

„Neulich” habe Gottfried Weber(2) dieses Gedicht im „Deutschen Pionierverein von Cincinnati” „vorgelesen“, schrieb Heinrich Arminius Rattermann im März 1875 in der von ihm redigierten Zeitschrift „Der Deutsche Pionier“.(3) Der in Damme im katholischen Oldenburger Münsterland lebende Buchdrucker und Buchbinder Franz Joseph Stallo habe es von einem in den USA lebenden „gleichgesinnten Charakter aus Holtrup“ erhalten. Der habe es am „22. Januar 1831“ auf seinem „Ritterschlosse in Smyrna bei Philadelphia . . . geschrieben“. Schon im Frühjahr 1831 habe Stallo „etliche hundert Exemplare desselben verkauft: . . . Stallo wurde gefänglich eingezogen, seine Buchdruckerei confiscirt und Jeder, in dessen Besitz ein Exemplar des Gedichts vorgefunden wurde, mit Gefängnißhaft bestraft. Mehr als zweihundert Personen erlitten Einkerkerung deswegen“. Nach „mehrmonatlicher Inhaftierung“ habe er sich „zur Auswanderung genöthigt“ gesehen. Er sei „im Herbste des Jahres 1831 über Philadelphia nach Amerika ausgewandert“. Seine Frau sei „bereits etliche Jahre vor seiner Übersiedlung nach Amerika gestorben“.
Franz Joseph Stallo, am 2. Mai1793 geboren, habe 1812 das „Gymnasium Karolinum in Osnabrück“ verlassen, weil er „nun mal kein Schulmeister werden wollte“. Er habe „in religiöser sowohl wie politischer Beziehung eine höchst freisinnige Richtung“ eingeschlagen und deswegen „mit der Geistlichkeit und der oldenburgischen Regierung in beständigem Hader“ gelegen. „Pfändungen und Einsperrungen“ habe er über sich ergehen lassen müssen, weil er sich regelmäßig“ geweigert habe, „die gesetzlichen Steuern . . . zu bezahlen“. Die „Publikation und Verbreitung aufrührerischer Schriften, Lieder etc.“ habe ihm „beständige Polizeiliche Aufsicht“ eingebracht. Er habe als „Agent für Auswanderer fungirt“ und „unter den Bauern der Umgegend . . . Agitation der Auswanderung“ betrieben. Auch von Amerika aus habe er „ununterbrochen . . . mit seiner Heimathgegend in Deutschland“ korrespondiert: „bogenlange Briefe wanderten allwöchentlich über den Ocean, worin er seine Landsleute . . . zur Auswanderung animirte“. Die „hannöverische Regierung“ habe „die Circulation der Stalloschen Briefe amtlich verboten, die Briefe selbst confiscirt und die Besitzer derselben später mit Kerkerhaft bestraft“.

Mit Fehlern gespickt ist all dies, was Heinrich Arminius Rattermann nach „vielfachen brieflichen sowohl wie mündlichen Mittheilungen . . ., welche das oben Gesagte einstimmig bestätigen“, zusammengestellt hat.

Nicht „im Herbste des Jahres 1831“ wanderte Franz Joseph Stallo „über Philadelphia“ aus, sondern im Frühjahr 1831 über New York. Dort traf er, am 2. Mai 38 Jahre alt geworden, an Bord der „Juno“ am 22. Juni 1831 mit seinen 5 Kindern ein(4). Am 21. April 1831 hatten die „Bremer Wöchentlichen Nachrichten“ angezeigt, dass „den 26. d. Mts . . . das sich als Schnellsegler bewährte, rühmlichst bekannte neue hiesige gekupferte Schiff ‚Juno’ . . . expedirt“ werde. Die Heuerliste der „Juno“ hat „Capt. Sengstack“ am 26. April 1831 unterschrieben(5).
Innerhalb von 3 Monaten müsste sich also alles abgespielt haben: Letzte Arbeit am Gedicht, dessen Überbringung nach New York, der transatlantische Versand nach Bremen die Überbringung nach Damme, Druck und Vertrieb in Damme und Umgebung, Verhaftung, Untersuchungshaft, Verurteilung und „mehrmonatliche Inhaftirung“ nebst „Einkerkerung“ von „mehr als zweihundert Personen“.

Die Daten sprechen dagegen. Ca. 250 km hätte das Gedicht überwinden müssen, um von Smyrna/Delaware nach New York zu gelangen. Eine knappe Woche hätte man im Winter wohl dafür benötigt. Nur die „Constitution“ aus New York kommt für die Überfahrt in Frage: am 13. März 1831 ist sie in Bremerhaven eingetroffen(6). Nicht vor Mitte März hätte Franz Joseph Stallo die Post erhalten können. Also blieb nur noch gut einen Monat Zeit bis zur Auswanderung aus Damme, zu wenig, um all das zu erleben, was Heinrich Arminius Rattermann 1875 erzählt hat. Er lässt den Agitator erst „im Herbst“ in die USA reisen. Jürgen Kessel lässt ihn schon korrekt am 22. Juni 1831 in New York ankommen, ohne aber Stallos Aktivitäten und die der Oldenburger Polizei- und Justizbehörden in Frage zu stellen. Aus der „mehrmonatlichen Inhaftirung“ (Rattermann) wird, ein wenig abgeschwächt, eine „offenbar wochenlange Inhaftierung“(Kessel). Franz Joseph Stallo hat mit seinen 5 Kindern nicht erst „im Sommer . . . nach der Entlassung aus der Haft . . . Deutschland hinter sich gelassen“ (Kessel), sondern schon in der Mitte des Frühlings, am 26./27. April 1831. Erst zum Sommeranfang des Jahres 1831, am 22. Juni, ist er in New York eingetroffen. Seine Frau war am 2. April 1831 gestorben(7) und nicht schon „etliche Jahre vor seiner Übersiedlung nach Amerika“ (Rattermann).

Zu polizeilichen und richterlichen Aktivitäten in Sachen Stallo gibt es in den Staatsarchiven von Oldenburg und Osnabrück keine Unterlagen. Auch in der regionalen Presse wurde nichts dazu veröffentlicht. „Obrigkeitliche Bekanntmachungen“ z. B. in den „Oldenburgischen Anzeigen“ (Januar  -  Juli 1831) teilen mit, was Regierung und Landgerichten, Stadtgerichten und Ämtern wichtig erscheint. Es geht um Urkundenfälschung und Diebstahl, um entflohene Häftlinge und entwichene Lehrlinge, um Konkurse, Verkäufe und Versteigerungen, um mehr oder weniger hohe Gefängnisstrafen. Franz Joseph Stallo ist nicht dabei. Auch die „Oldenburgische Zeitung“ und die „Oldenburgischen Blätter“ wissen während dieses Zeitraums diesbezüglich nichts zu berichten. Am 6. März 1832, schon 10 bis 11 Monate nach der von Rattermann Stallo zugeschriebenen Agitation und nach Stallos durch die Passagierliste der „Juno“ bewiesener Auswanderung, stellt der „Gemeinheits-Commissair Nieberding“ (Lohne) im zuletzt genannten Blatt die „Auswanderungen nach Nordamerika“ zur Diskussion. Sie könne der Region „mehr Menschen rauben als die Cholera“. Vor allem in Briefen und Büchern schildere man „die Verhältnisse in schönsten Farben: . . . alles spricht nur von Amerika“. Am 1. Mai 1832 erwähnt er Franz Joseph Stallo, 1 Jahr nach dessen Abreise aus Bremerhaven: (Nur) „ein Brief, den der ausgewanderte Buchbinder Stallo aus Damme im Januar d. J. aus Cincinnati geschrieben hat, mag viel zur Auswanderung beytragen, aber noch mehr der gegenwärtige Druck der Zeit“. Kein Wort zu angeblicher Verhaftung und Bestrafung, kein Wort zum angeblich kursierenden Auswandererlied, nichts von „ununterbrochener“ und „allwöchentlicher“ Korrespondenz „mit seiner Heimathgegend“, nichts von der „Circulation der bogenlangen Stalloschen Briefe“ und nichts von der „Kerkerhaft“ derer, die sie besaßen! Und Buchdrucker wird er hier auch nicht genannt.

Am 16. und 23. August 1834 schreibt Nieberding in dem im katholischen Oldenburger Münsterland (Vechta) erscheinenden „Sonntags-Blatt“ „über Auswanderung nach Nordamerika, und die Schicksale einiger aus hiesigen Gegenden dorthin ausgewanderte Landsleute“. „H. P. aus W., . . . dessen Glaubwürdigkeit und unbescholtenen Lebenswandel“ er kenne, sei im Juni 1834 aus den USA zurückgekehrt. Der habe „gehört“, „sehr viele . . . aus hiesigen Gegenden“ seien „gestorben“, „zum Theile in Dürftigkeit, viele an der Cholera, manche an climatischen Krankheiten. Unter andern“ seien „gestorben Stallo (Juli 1833), früher Schullehrer zu Damme, dem Stallotown seine Entstehung und Namen verdankt“. Der „Gemeinheits-Commissair“ Nieberding verstärkt seine Kritik an unseriöser Auswandererwerbung: „Schändlich ist es, wenn Mäckler, Bücherschreiber, gedungene Briefschreiber und andere in ihren Nachrichten den bedauernswürdigen Leuten die dortigen Verhältnisse mit glänzenden Worten nur in ihrem günstigen Lichte vorstellen“. Nieberding bringt Stallo nicht mit diesen „unlautern Absichten“, die ein „Eldorado“ vorgaukeln, in Verbindung und schreibt auch gut 3 Jahre nach dessen Ankunft in den USA abermals nichts von „ununterbrochener“ Korrespondenz und nichts von der „Circulation der Stalloschen Briefe“, die spätestens bis zum Herbst 1833 in seiner „Heimathgegend“ hätten eintreffen können. Stallo ist für Nieberding nur einer der Verstorbenen neben dem „Zeller Kleine Bramlage aus Brockdorf“, dem „Müller Lining aus Holdorf mit seiner Frau und 7 Kindern“ und „dessen Bruder und seine Frau“ und „des früheren Polizeydragoners Gosmann Frau“.

Das „Sonntags-Blatt“ veröffentlicht vom 23. Mai bis zum 20. Juni1835 und vom 28. Mai bis zum 6. August 1837 zwei „Schreiben des aus Vechta gebürtigen ehemaligen Schullehrers zu Steinfeld, Heinrich Böhmer, aus Amerika“. Er war am 11. Dezember 1833 mit der „Leontine“ von Bremerhafen aus in Baltimore eingetroffen(8), begleitet von 24 Auswandernden aus Steinfeld und dem benachbarten Holdorf. „Der selige Stallo“ habe zusammen mit Landsleuten „Stallotown“ (seit 1836 Minster) gegründet, eine ungünstig in sumpfigen Gelände gelegene ärmliche Siedlung. Die Redaktion merkt dazu an: „Dieser unternehmende Mann ist im Kirchspiel Damme geboren und war früher Schullehrer in Damme“. („Schulmeister“ wäre er demnach wohl doch geworden, auch ohne den Abschluss am Gymnasium Carolinum.) Schon im Frühjahr 1835 sah man sich also genötigt, ein wenig zur Person zu sagen: Kein Wort zur Druckerei, nichts zu Verhaftung und Bestrafung, nichts zur angeblichen Aufregung um das „Lied aus Amerika“, obgleich Böhmers Schreiben nachdrücklich vor trügerischer Werbung durch „unredliche Briefschreiber“ und vor leichtfertiger Auswanderung warnen. Den „Schriftsteller Gottfried Duden“. bezieht Böhmer in diese Kritik ein, nicht aber den „unternehmenden“ Franz Joseph Stallo. Heinrich Arminius Rattermann hatte 1875 im „Deutschen Pionier“ beide als „Agitatoren der Auswanderung“ gerühmt bzw. Duden durch Fridrich Schnake rühmen lassen. Dudens „Agitation“ war seit 1829 schwarz auf weiß verfügbar(9).

Den von Gottfried Weber 1874/75 im Pionierverein vorgelesenen Text dem Buchdrucker Stallo zuzuordnen bleibt zweifelhaft, auch wenn Gottfried Weber dem Vereinskollegen Rattermann wohl nicht widersprochen hat, als er das Gedicht zweifellos Franz Joseph Stallo zuschrieb. Weber aus Bohmte und Rattermann aus Ankum könnten sich gut verstanden haben: Beide waren Plattdeutsche aus dem Osnabrücker Land.(10). Ohne Rattermanns Aufsatz von 1875 und ohne dessen trügerische Informationen gäbe es keinen Anhaltspunkt, Franz Joseph Stallo mit dem Auswandererlied in Verbindung zu bringen. Es könnte sein, dass er mit dem „Lied aus Amerika“ nichts zu tun hat. Stallo könnte den Text aber auch selbst geschrieben haben. Gottfried Weber könnte diesen Text, wer immer auch ihn geschrieben haben mag, in die Hand bekommen haben. Es könnte ihm gefallen haben, mit dem gerühmten „Agitator der Auswanderung“ in Verbindung gebracht und sich derart im „Deutschen Pionier“, aus dem er sich so manchen Text für seine Lebenserinnerungen („Kurze Beschreibung . . .“) angeeignet hat, gedruckt, veröffentlicht und verewigt zu sehen. Er könnte aber auch die Abschrift einer anderen Fassung des Liedes in die USA mitgenommen haben, als er im April 1834 in Bremerhaven an Bord ging(11).

In der „Registratur der Königlichen Landdrostei Osnabrück“ ist sie nebst amtlichem Schriftverkehr „ad Acta das Auswandern nach America betreffend“ genommen worden und so erhalten geblieben. Es sind „Sinnreiche Einfälle in Stunden froher Laune . . ., verfaßt von Franz Lahmeyer, M. D., gedruckt auf Kosten des Verfassers, den 25sten Januar, 1833“, zu „Baltimore“(12). Gegen Ende des 4. Quartals des Jahres 1832 war er in Baltimore/Maryland eingetroffen. Mit der Berufsbezeichnung „Dentist“ ist er in den „Quarterly Abstracts“, den Vierteljahresberichten der Hafenbehörde an die Bundesregierung in Washington, eingetragen(13). Er hatte Zeit genug, die 49 Strophen an Bord und / oder in Baltimore zu Papier zu bringen und sie als Broschüre in die Heimat zu schicken. Die „Neptun“, das einzige in Frage kommende Schiff, mit Tabak beladen, hatte, von Baltimore kommend, getragen vom Golfstrom und evtl. beflügelt vom winterlichen Westwind, Bremerhaven am 1. März 1833 und Bremen am 4. März 1833 erreicht(14). Schon am18. März 1833 meldet der Wachtmeister Wieje aus Bohmte (wo Gottfried Weber zuletzt gelebt hat) „gehorsamst“ dem „Herrn Rittmeister Eppen vom Königl. Landdragoner Corps in Osnabrück, . . . daß der früher unnütze Kunst-Drechsler Lahmeyer zu Osterkappeln . . . ein gedrucktes Lied an die Gebrüder Eggert in Eßen geschickt“ habe, „um die Leute von hier nach America aufzufordern“. Eggerts Schwager habe ihnen „vor acht Tagn geschrieben . . . und solches Lied als Einlage mitgeschickt“. Er lebe „ mit Lahmeyer auf einem Hofe eine halbe Stunde von Baltimore . . . . Der Rentmeister Schütz vom Gute Ippenburg habe es aus dem Hause geholt und in Eßen unter die Leute verbreitet“. Als Anlage legt Wachtmeister Wieje „Daß Dinges“ seiner Meldung bei.

Die Antwort kommt postwendend und kurz und bündig mit Datum vom 20. März 1833: „Ich finde die sinnreichen Einfälle . . . so sinnlos und einfältig, daß sich schwerlich auch nur ein Halbvernünftiger dadurch wird aufregen laßen und dürfte die Existenz des sauberen Prudukts vorerst gänzlich zu ignorieren seyn“.

Am 23. März geht ein „vertrauliches Schreiben“ aus Melle an „Euer Wohlgeboren den Herrn Rittmeister und Districts-Commandant Eppen“. Man „verfehle nicht unterthänigst zu berichten, daß seit wenigen Tagen ein 42 Vers starkes Gedicht . . . circuliert“, das „mit heißester Begierde gelesen“ werde. Es könne „sich hauptsächlich zur Aufwiegelung eignen . . ., weil der jetzige Zeitgeist für so Etwas besonders empfänglich“ sei. Man wisse „nicht im voraus, wozu so Etwas führen“ könne.

Am 26. März geht ein „Bericht des Amtes Wittlage-Hunteburg“ (wozu auch Gottfried Webers letzter Wohnort Bohmte gehörte) an die „Landdrostei zu Osnabrück“. Das Gedicht erscheine „in politischer Hinsicht . . . wenig erheblich“. Allerdings „möchte die Sache als erheblicher und wichtiger anzusehen seyn“, wenn „Auswanderungslust nach Amerika“ dadurch „entstehen und vermehrt werden könnten“. Zur Person des Autors wird „gehorsamst Folgendes“ vermerkt: „Verfasser des fraglichen Gedichts“ sei „der Drechsler und concessioniert gewesene Zahnauszieher Lahmeyer aus Ostercappeln“, der „als Schreiblustiger, launigt tändelnder, seiner Profession als Drechsler wenig nachgehender und überspannter Mensch bekannt“ sei. Er habe „auch sich ein Vergnügen daraus“ gemacht, „mit der in hiesiger Gegend überall bekannten, umherziehenden Lundschen Schauspieler-Gesellschaft, wenn solche in Ostercappeln und Bomte spielte, als Mitspieler aufzutreten, wurde deshalb aber nachher oft geneckt und hatte oft Klagen und Termine beym Amte“.

Die Landdrostei empfiehlt, „jede weitere Untersuchung unterbleiben zu lassen“ (29. März 1833).

Das „Königlich-Großbritannisch Hannoversche Ministerium des Innern“ dachte nicht anders über den amtlich-polizeilichen Umgang mit dem „circulirenden Gedicht“ des „im schlechten Ruf stehenden Drechsler-Gesellen“, das „unter der rechtlicheren Classe . . . keine Sensation erregen, sondern nur von der ausschweifenden Classe . . . mit Begierde gelesen“ werde (2. April 1833). „Die Landdragoner“ seien „unter der Hand anzuweisen, . . . die sich noch hin und wieder vorfindenden Exemplare an sich zu nehmen, wobei die ersteren zugleich Gelegenheit finden werden, die Besitzer der gedachten Verse über deren Unwerth und schlechte Tendenz auf eine angemessene Weise aufzuklären“ (16. und 21. Mai 1833).

Von „Anstalten“ zur „Unterdrückung des Gedichts“ durch die „hannöverische Regierung“ hatte Heinrich Arminius Rattermann schon im Zusammenhang mit der Stallo-Version (1831) geschrieben. 1833 gibt es aber im Schriftverkehr der Behörden keinen Hinweis auf derartige „Anstalten“ zwei Jahre zuvor, auch keine Hinweise auf das amtliche Verbot der „Circulation der Stalloschen Briefe“ und auf die Bestrafung der „Besitzer derselben später mit Kerkerhaft“, wovon Heinrich Arminius Rattermann zu berichten weiß.

 
Eine zugespitzte Bilanz

Gottfried Weber hat das „Lied aus Amerika“ überliefert („Da das einzige uns zur Verfügung stehende abgeschriebene Exemplar augenscheinlich fehlerhaft copirt war, so haben wir das Gedicht etwas abgefeilt, um es einigermaßen mundgerecht zu machen, jedoch so, dass es den ursprünglichen Charakter bewahrt hat“: H. A. Rattermann). Es ist auf den 22. Januar 1831 datiert („auf meinem Ritterschlosse in Smyrna, bei Philadelphia“).

Franz Lahmeyer hat die „Sinnreiche(n) Einfälle“ überliefert („gedruckt auf Kosten des Verfassers“). Sie sind auf den 25. Januar 1833 datiert (bei Baltimore).

Beide Lieder sind weitgehend identisch (Vgl. die Texte im Anhang.). Die Unterschiede dürften Heinrich Arminius Rattermann zu verdanken sein, der G. Webers handschriftliche Vorlage „abgefeilt“ hat.(15)

G. Weber hat sich Ende März 1834 von Bohmte aus auf den Weg gemacht. Er könnte die auf 1831 oder aber die auf 1833 datierte Fassung mit in die USA genommen haben.(16)

Franz Lahmeyer könnte die „Sinnreiche(n) Einfälle“ abgeschrieben und als seine eigenen ausgegeben haben. Er könnte die auf 1831 datierte Fassung abgeschrieben haben, wer immer sie auch wann und wo verfasst haben mag. Oder jemand hat Lahmeyers Text abgeschrieben und durch Rückdatierung auf 1831 und (ironische?) poetische Verfremdung („Ritterschloss in Smyrna“) verselbständigt?

Abgesehen von den Ausführungen H. A. Rattermanns, abgesichert durch ihn bestätigende „vielfache briefliche sowohl wie mündliche Mittheilungen“, gibt es keinen Beleg dafür, dass Franz Joseph Stallo an Druck und Vertrieb des „Lied(es) aus Amerika“ beteiligt war.

44 Jahre nach den erinnerten Ereignissen wird bestätigt, was nicht durch hinreichende Anhaltspunkte abgesichert werden kann: „Confiscation“ der Druckerei, „Einkerkerung“ des Franz Joseph Stallo und der „mehr als 200 Personen“, in deren „Besitz ein Exemplar des Gedichtes vorgefunden wurde“, durch die „oldenburger sowohl als hannöverschen Regierungen“. Die erinnerten spektakulären Ereignisse finden weder Erwähnung in den Amtsblättern des Großherzogtums Oldenburg („Oldenburgische Anzeigen“) und der hannoverschen Landdrostei Osnabrück ("Osnabrücker Öffentliche Anzeigen“) noch in den „Oldenburgische(n) Blätter(n)“ und auch nicht im Frühjahr 1832 und auch nicht im Sommer 1834 in Nieberdings Beiträgen im Vechtaer „Sonntagsblatt“.

Es könnte sein, dass man dem Buchbinder und Schulmeister Franz Joseph Stallo Druck und Vertrieb des „Lied(es) aus Amerika“ nur zugetraut hat.

„Begabt mit großen speculativen Anlagen“ sei dieser „verschrobene Charakter" gewesen, schreibt H. A. Rattermann.(17) Neben der „Buchbinderei“ habe er sich auch eine „zwar klein(e) Buchdruckerei“ zugelegt. Seine Experimente mit „Elektrisirmaschinen und Galvanischen Batterien . . . hätte(n) ihn möglicherweise damals auf die Erfindung des elektrischen Telegraphen führen können, denn er hatte bereits einen längeren Drahtleiter hergestellt und die Leitkraft entdeckt“. Stallo habe „auf die Entdeckung des ‚Perpetuum Mobile’“ spekuliert und sich an der „Berechnung der Quadratur des Circels“ versucht. Und „mit seinem Luftballon“ sei er „in den Dammer Tannen hängen“ geblieben. Die „Entdeckung des Moorbrennen(s)“ sei ihm zu verdanken, auch das „Bewässern der Haidestrecken in der Geest und das Besäen derselben mit norwegischen Piniensamen“. Er habe eine „höchst freisinnige Richtung“ eingeschlagen. Mit „Pfändungen und Einsperrungen“ habe die Landesregierung auf seine Weigerung reagiert, „die Gewerbesteuer zu bezahlen“. Diesbezügliche Aufwiegelung der Bauern habe „natürlich weitere Inhaftierungen zur Folge“ gehabt. Schließlich habe er wegen der „Publikation und Verbreitung aufrührerischer Schriften, Lieder u. s. w. . . . unter beständiger polizeilicher Aufsicht“ gestanden.“ Agent für Auswanderer“ sei er gewesen „für eine Bremer Rhederfirma“. Er habe „zum Behufe der Agitation der Auswanderung . . . mit mehreren Landsleuten in Amerika“ korrespondiert, unter denen eben auch „ein gleichgesinnter Charakter aus Holtrup“ gewesen sei, „dessen Namen Schreiber dieses“ (d. h. H. A. Rattermann) „jedoch nicht erfahren konnte“.

Wem so viel zugetraut und zugeschrieben wird, dem traut man auch Druck und Vertrieb des „Lied(es) aus Amerika“ zu  -  und man schreibt es ihm schließlich mit leichter Hand zu.

Heinrich Arminius Rattermann hat all dies 1875 veröffentlicht. Schon 6 Jahre später (1881) glaubt er, in „Dr. Franz Lahmann, damals in der Nähe von Philadelphia wohnhaft“, den Autor des „im Jahre 1831 von Franz Joseph Stallo in Damme gedruckte(n) und verbreitete(n) Gedicht(s)“ gefunden zu haben. Dieser habe damit im „südlichsten Oldenburg“ und in der „angrenzenden Grafschaft Diepholz“ des Königreichs Hannover eine „Auswanderungsfluth“, eine wahre „Emigrationsepidemie“ ausgelöst.(18) Rattermann dürfte mit „Dr. Franz Lahmann“ den „concessioniert gewesenen Zahnauszieher Lahmeyer aus Ostercappeln“ gemeint haben, den Verfasser der „Sinnreiche(n) Einfälle“, der sich aber erst im Herbst 1832 (und nicht schon vor 1831!) den Hafenbehörden in Baltimore gegenüber als „Dentist“ bezeichnet und auf dem Titelblatt seiner Broschüre als „M. D.“ (Medicinae Doctor) ausgegeben hatte.

Jürgen Kessel schreibt, „dass es sich bei dem im Staatsarchiv Osnabrück vorhandenen Druck um die ursprüngliche, ‚Lahmann’ zugeschriebene und von Stallo verbreitete Fassung handelt, die Rattermann in einer Abschrift vorlag und die er 1875 für den Druck glaubte glätten zu müssen“.(19) Wahrscheinlich hat Gottfried Weber Franz Lahmeyers Variante im Reisegepäck gehabt, oder eben doch Lahmeyers Vorlage. Ob es aber jemals eine „von Stallo verbreitete Fassung“ gegeben hat, ist nur durch trügerische Erinnerungen übers Hörensagen belegt: Heinrich Arminius Rattermann ist 1832 geboren; da war Franz Joseph Stallo schon ein Jahr lang in den USA.

Mag Lahmeyer nun von Stallo oder von wem auch immer abgeschrieben oder Lahmeyers Text Stallo, dem legendären „Agitator der Auswanderung“, von den Geschichten-Erzählern Weber und Rattermann, gewollt oder ungewollt, zugeschrieben worden sein: Vieles ist möglich, einiges wahrscheinlich, wenn auch mit unterschiedlicher Plausibilität, nur nicht die Erzählung, ein Franz Joseph Stallo „gleichgesinnter Charakter“ habe bei Kerzenschein und flackerndem Kaminfeuer auf seinem „Ritterschlosse (??) in Smyrna bei Philadelphia“ am „22. Januar 1831“ die 49 Strophen endgültig zu Papier gebracht und dem Dammer Buchdrucker und Buchbinder via New York die Gelegenheit gegeben, ab Mitte März innerhalb von gut 30 Tagen „etliche hundert Exemplare“ zu drucken und zu verkaufen, in den ersten Apriltagen seine Frau zu Grabe zu tragen, „mehrmonatlich“ (Rattermann) oder wenigstens doch „wochenlang“ (Kessel) eingekerkert zu sein und sich dann „noch im Sommer . . . nach der Entlassung aus der Haft“ (Kessel) oder gar erst im Herbst (Rattermann) 1831 von Damme aus mit seinen 5 Kindern auf den Weg nach Bremen und Bremerhaven zu machen und sich dort aber schon Ende April 1831, d. h. noch im Frühjahr, als Auswanderer an Bord der „Juno“ zu begeben.




[1] Vgl. Jürgen Kessel: Der Dammer Auswanderer Franz Joseph Stallo und sein „Lied aus Amerika“. In: Osnabrücker Mitteilungen 107 (2002), 155-180. Jürgen Kessel hat mit diesem Aufsatz versucht, den Autor und den ersten Drucker des „Lied(es) aus Amerika“ ausfindig zu machen, gestützt auf die Veröffentlichung in der Monatsschrift „Der Deutsche Pionier“ des Deutschen Pionier-Vereins von Cincinnati, im Jahre 1875. Die Eindeutigkeit seines Befundes wird mit den hier vorgelegten Überlegungen in Frage gestellt.

[2] Die Forschungsstelle „Deutsche Auswanderer in den USA“ (DAUSA) plant, die Lebenserinnerungen („Kurtze beschreibung Von Gottfried Weber Von Cincinnate state Oheo Nort Amereka“) des Auswanderers Gottfried Weber aus dem Kirchspiel Engter (ausgewandert 1834, Erinnerungen von 1877) auf ihren Internet-Seiten annotiert und bebildert zu veröffentlichen (www.dausa.de). Vgl. vorläufig: Antonius Holtmann: Bohmte  -  Bremen  -  Public Landing. Eine Erfolgsgeschichte aus Cincinnatis 19. Jahrhundert als genealogische Rekonstruktion. In: Die Maus (Hrsg.): Genealogie und Auswanderung. Über Bremen in die Welt. Clausthal-Zellerfeld: Papierflieger 2002, 59-70. (online)  -  Vgl. Anm. 11.

[3] Heinrich Arminius Rattermann: Zwei Agitatoren der Auswanderung. I: Gottfried Duden (von Friderich Schnake). II: Franz Joseph Stallo. In: Der Deutsche Pionier 6 (1874/75) 11, 391-396; 6 (1874/75) 12, 437-446; 7(1875/76) 1, 2-16). Diese „Monatsschrift für Erinnerungen aus dem Deutschen Pionierleben“ ist in Cincinnati /Ohio in den USA erschienen. Vgl. auch Heinz von der Wall: Heinrich Armin Rattermann. „Außer dem Vaterlande ist auch eine schöne Welt . . .. Zum Leben und Werk des deutsch-amerikanischen Historikers und Autors (1832-1923). Ankum: Kreisheimatbund Bersenbrück 1989. Die 49 Strophen des Liedes wurden erstmals  veröffentlich in Heft 1 des 7. Jahrgangs  des „Deutsche(n) Pionier“ (März 1875), Rattermanns Aufsatz über Stallo nebst Lied liegt auch vor in: von der Wall, 57-74.    -   Rattermanns Aufsatz hat einer biographischen Skizze als Vorlage gedient, die am 14. Januar 1886 im „Osnabrücker Tageblatt“ erschienen und am 26. Januar 1886 in der „Vechtaer Zeitung“ gekürzt nachgedruckt worden ist, einer Skizze „über einen unserer ersten Auswanderer nach Amerika, Franz Joseph Stallo“. Ein Zitat aus Rattermanns Text verrät die Quelle: Franz Joseph Stallo habe „das Bewässern von Haidestrecken und Besäen derselben mit Fichtensamen (Rattermann: „norwegischen Piniensamen“) erfunden (Rattermann: „entdeckt“), wodurch . . . öde Ländereien, auf denen nicht einmal Haidekraut wachsen wollte, zu Tannenwäldern umgestaltet wurden“.

[4] National Archives Microfilm Publications (Washington D. C.): M 237, Roll 14. Die Filmrollen mit den Passagierlisten, die von den Kapitänen den Hafenbehörden ausgehändigt wurden (Ankunftslisten), können in der Mediathek der Bibliothek der Universität Oldenburg eingesehen und fotokopiert werden (1800/1820-1897). Namenindizes zu den Passagierlisten findet man kostenlos auf den Internet-Seiten www.castlegarden.org (New York 1820-1913) und dazu auch die Passagierlisten auf www.ellisisland.org (New York 1892-1924). Nahezu vollständig bietet www.ancestry.com  bzw. www.ancestry.de die Namenindizes zu allen Häfen an (z. B. New York 1820-1957; Philadelphia 1800-1945; Baltimore 1820-1948; New Orleans 1820-1945). Die meisten Passagierlisten sind eingescannt und können ausgedruckt werden. Ancestry.de ist kostenpflichtig, wenn man über den Namen hinaus die Daten und den Ausdruck haben möchte. Auch Census-Daten (Volkszählungen) etc. werden von ancestry angeboten.  .-  Vgl. Anm. 13.

In einer „Liste der Ausgewanderten aus dem Dorfe Damme“ ist unter Nr. 1 eingetragen: „Franz Joseph Stallo mit Fünf Kinder“. Als Jahr der Auswanderung ist fälschlich „1830“, nicht aber korrekt das Jahr 1831 angegeben (1830: 9; 1831: 0; 1832: 20). Diese Liste (1830-1844) ist dem Amt Damme auf dessen Aufforderung hin im Dezember 1844 zugegangen, erstellt auf der Grundlage von Befragungen der Dorfbevölkerung durch den Bauernvogt mit Hilfe des Schullehrers und des Pfarrers (Staatsarchiv Oldenburg: Best. 76-25 Nr. 32). Vgl. Johannes Ostendorf: Zur Geschichte der Auswanderung aus dem alten Amt Damme (Oldb.), insbesondere nach Nordamerika, in den Jahren 1830-1880. In: Oldenburger Jahrbuch 46/47 (1942-43), 252 f., 257. Diese Arbeit ist auch online verfügbar: www.honkomp.de/damme-auswanderung.

Jürgen Kessel (Vgl. Anm. 1.) hat die Geburtsdaten der mitreisenden 5 Kinder den Dammer Kirchenbüchern entnommen (S. 168, Anm. 45). Auf der Passagierliste der „Juno“ sind Martin, geboren am 10. 12. 1816 (12), Ludwig, geboren am 11. 11. 1818 (10), Maria, geboren am 1. 1. 1821 (8) und Theodor, geboren am 23. 3. 1823 (6), jeweils um 2 Jahre verjüngt registriert, Therese, geboren am 6. 2. 1827 (3) und Franz Josef Stallo, geboren am 2. 5. 1793 (36), um jeweils 1 Jahr. Dieser könnte durch die Veränderungen die Reisekosten gesenkt haben. Z. B. haben die Schiffsmakler Westhof & Meyer unter Verweis auf ihren Agenten in Ostercappeln (Sattlermeister Pirtring) am 24. April 1833 in den „Osnabrücker öffentliche(n) Anzeigen“ die Fahrpreise nach Alter gestaffelt (1-4, 5-8, 9-12, ab 13) angeboten.

Die Daten zur Auswanderung des Franz Joseph Stallo und seiner Angehörigen werden aus der Erinnerung unterschiedlich angegeben. Neben der Rattermann-Version in „Der Deutsche Pionier“ von 1875 sei hier auf zwei weitere Varianten verwiesen.

Johannes Ostendorf hat 1942/43 (167-168) angenommen, „daß Franz Joseph Stallo vorauswanderte; nach einem Jahr kam er zurück, um seine Familie nachzuholen. Zur Betreuung des frauenlosen Haushaltes ging ein junges Mädchen, das in den Listen als fünftes Kind erscheint, mit hinüber“. Ostendorf kommt auf Vorauswandern und Nachholen, weil er sich auf die „Oldenburgische Volkszeitung“ (Beilage Nr. 7: „Heimatblätter“) des Jahres 1931 bezieht, in der zu lesen war, Stallo habe Damme am 24. April 1831verlassen. Er bezweifelt aber nicht die 1844 aus der Erinnerung gewonnenen Angaben im „amtlichen Register“, es sei das Jahr 1830 gewesen („Liste der Ausgewanderten aus dem Dorfe Damme“). Darüber hinaus hat er bei Durchsicht der „Kirchenregister von Damme“ den Sohn Theodor (23. 3. 1823) übersehen und die Diskrepanz zum „amtlichern Register“ („Fünf Kinder“, keine Namensnennung) mit einem „ jungen Mädchen“ als plausibel überbrückt. Die Passagierliste der „Juno“ hat Johannes Ostendorf nicht berücksichtigt.

Die Erinnerungstradition der Familie Stallo birgt die dritte Auswanderungs-Variante. Am „Sonntag, den 24. April 1831“, habe sich das Ehepaar Stallo von Damme aus auf den Weg gemacht in die Niederlande. In Amsterdam sei die schon länger kranke Ehefrau und Mutter Katharina im Alter von 38 Jahren gestorben. Franz Joseph Stallo habe dort ein Kindermädchen engagiert, mit dem Familiennamen „Bramlage“. Am 2. Mai 1831, also am 9. Tag nachdem man Damme verlassen hatte (!), sei man an Bord der „Jano“ gegangen und „am 19. Juni 1831 in New York eingetroffen“. So berichten es Louis Hoying/Rita Hoying/David Hoying: Pilgrims All. A History of Saint Augustine Parish Minster, Ohio 1832-1982. Minster, Ohio: St. Augustine Parish 1982, 13-14.  -  Die Passagierliste der “Juno” enthält keine Reisende namens “Bramlage”. Innerhalb von 9 Tagen eine Strecke von ca. 250 km mit einem von Pferden gezogenen Wagen und 7 Personen und deren Gepäck auf weitgehend unbefestigten Straßen und Wegen zurückzulegen und dazu noch die in Amsterdam verstorbene Katharina Stallo in der Fremde zu beerdigen und ein Kindermädchen einzustellen (3 Tage wird dies zumindest in Anspruch genommen haben.), dürfte kaum möglich gewesen sein. Ca 50 km hätte man täglich zurücklegen müssen. Die Nachkommen der Familie Stallo und auch die Autoren von „Pilgrims All“ hätten diese Umstände verunsichern müssen.

[5] Staatsarchiv Bremen: Heuerliste der „Juno“ vom 26. April 1831 (B.-R. 11. p. 4. Bd. 64)

[6] Staatsarchiv Bremen: Ankunft der „Constitution“ aus New York am 13. März 1831 (Einnahmebuch des Hafenmeisters von Bremerhaven 2-Q.9-149). Am 5. März 1831 war die „Betty“ aus Charleston/South Carolina, ca. 1100 km südlich von Smyrna/Delaware, in Bremen eingetroffen. Den weiten Weg dürfte der Autor wohl nicht für die Verschiffung seines Liedes gewählt haben. In Bremerhaven sind laut Einnahmebuch darüber hinaus eingetroffen die „Louisa“ aus Charleston am 21. Februar 1831, die „Jane“ aus Baltimore am 15. April 1831, die „Draper“ aus Baltimore am 18. 04. 1831; in Bremen darüber hinaus laut Schlachteangabebuch (2-Ss.2.a.4.f.1. Bd. 38) die „Atlantic“ aus Savannah/Georgia am 16. März 1831, die „Dragon“ aus New Bedford/Massachusetts am 21. März 1831, die „Juno“ aus New York am 12. April 1831, die „Hope“ aus New Bedford am 14. April 1831.

[7] Pfarrarchiv Damme: Kirchenbücher Nr. 16, 32: Der Pfarrer Kemphuis habe eingetragen: „War in den letzten [!] blödsinnig, sacramentis tamen munita“: Jürgen Kessel, Anm. 44.  -  Vgl. Anm. 1.

[8] National Archives Microfilm Publications (Washington D. C.): M 255, Roll 1

[9] Vgl. Anm. 3. Gottfried Duden: Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerika´s und einen mehrjährigen Aufenthalt in Missouri (in den Jahren 1824-1827) in Bezug auf Auswanderung und Übervölkerung. Elberfeld: Selbstverlag 1829 (später: Bonn: Weber 1834).

[10] National Archives Microfilm Publications (Washington D. C.): M 255, Roll 5. Heinrich Arminius Rattermann war am 8. Oktober 1846 an Bord der „Brigg Hermentine“ zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern 15jährig in Baltimore an Land gegangen.

[11] Gottfried Weber ist an Bord der „Eleonore & Henriette“ in die USA ausgewandert. Am 10. April 1834 habe das Schiff Bremerhaven verlassen und am 23. Mai 1834 New York erreicht. So stand es am 10. März 1835 in einer Auflistung für das Jahr 1834 in den „Oldenburgische(n) Blätter(n)“, gestützt auf Angaben „des Schiffsmäklers Traub in Bremen“. Die Passagierliste zu dieser Reise scheint nicht erhalten zu sein.  -   Gottfried Webers „Kurtze beschreibung“ (Vgl. Anm. 2.) enthält den Namen des Schiffes und Angaben zum Schiffbruch der „Shenandoah“ am 10. April 1834, der schon wenige Tage später amtlich untersucht wurde (Staatsarchiv Bremen: „Strandung des amerikanischen Schiffes ‚Shenandoah’“, C 2-P. 8 B.8 a. Bd. 2, Nr. 221). Der „Nekrolog“ im „Vorstandsbericht des Deutschen Pioniervereins“ (23 (1890/91) 16) nennt das Jahr 1821 als Zeitraum der Ankunft in den USA, das handschriftliche Original der Liste der Gründungsmitglieder den 12. Juni 1832 (Abreise: Bremen, 21. April 1832), eigenhändig abgezeichnet von Gottfried Weber. (Cincinnati Historical Society/Cincinnati Museum Center: “Deutsche Pionier Verein Records”, Mss fD 486, Vol. I, Page 14). Diese Angaben muss er aber nicht zu verantworten haben; Alle Daten in dieser Liste sind von einer Person handschriftlich eingetragen worden.   -   Beide Lied-Texte sind im Anhang synoptisch einander zugeordnet.

[12] Staatsarchiv Osnabrück: Rep. 335, Nr. 4242, 155-177. Die „Acta“ enthalten Lahmeyers Publikation und amtlichen Schriftverkehr, aus dem nachfolgend zitiert wird.

[13] National Archives Microfilm Publications (Washington D. C.): M 596, Roll 2. Die Quarterly Abstracts hat man bei www.ancestry.com bzw. www.ancestry.de (bisher) nur in Bezug auf die Veröffentlichung von Michael Tepper (Passenger Arrivals at the Port of Baltimore, 1820-1834. Baltimore: Genealogical Publishing Co. 1982) berücksichtigt. Tepper hat die Namen und dazu gehörende Daten alphabetisch zusammengestellt. Die Originale der Listen sind auf Mikrofilmen der National Archives verfügbar (Baltimore 1820-1869; New Orleans 1820-1875), vermutlich in Deutschland einmalig in der Mediathek der Universität Oldenburg. Für den Zeitraum 1820-1833 sind in Bezug auf Baltimore nur wenige Passagierlisten erhalten. Umso wichtiger sind darum die Quarterly Abstracts, weil sie auch Namen der Personen enthalten, zu denen Passagierlisten nicht erhalten geblieben sind.  -  Vgl. Anm. 4.

[14] Staatsarchiv Bremen: Ankunft der „Neptun“ aus Baltimore in Bremerhaven am 1. März 1833 (Einnahmebuch des Hafenmeisters von Bremerhaven 2-Q.9-149); Ankunft der „Neptun“ in Bremen am 4. März 1833 (Schlachteangabebuch  der Stadt Bremen 2. Ss. 2. a. 4. f. 1. Bd. 38). Bei der Entscheidung für die „Neptun“ konnten darüber hinaus folgende Schiffsankünfte (laut Einnahmebuch und Schlachteangabebuch) berücksichtigt werden: Die der „Louise“ aus Baltimore am 7. Februar 1833 (Bremerhaven) und am 11. Februar  1833 (Bremen), die der „Ganges“ aus New Bedford/Massachusetts am 16. Februar 1833 (Bremerhaven) und am 13. Februar 1833 (Bremen), die der „Hanseat“ aus Baltimore am 30. März 1833 (Bremerhaven) und am 1. April 1833 (Bremen), die der „Columbus“ aus Baltimore am 1. April 1833 (Bremen).

[15] In Anm. 16 zu Strophe 28 schreibt H. A. Rattermann: „Ursprünglich heißt es ‚Wird commandirt von ein Barbar’“. So lautet die Zeile in Lahmeyers „Sinnreiche(n) Einfälle(n)“.
In Anm. 11 der Strophe 20 schreibt H. A. Rattermann: „“Wiebold, damals Amtsrichter in Damme“. Amtsrichter gab es aber im Großherzogtum Oldenburg, also auch in Damme, erst seit 1857 und nicht schon „damals“, d. h. um 1830 und früher. „Damals“ gab es im Kirchspiel Damme, das zugleich auch die politische Gemeinde war, den „Kirchspielvogt Mähler“, den „Beigeordneten Böcker“ und den „Feldhüter Stuke“, einen „Amtseinnehmer“, zwei „Armenjurate“, und 5 „Armenväter“ (Hannelore Oberpenning: Verwaltungsgeschichte Dammes: Ein historischer Überblick. In: Klaus J. Bade u. a. (Hg.): Damme. Eine Stadt in ihrer Geschichte. Sigmaringen: Thorbecke 1993, 26-33).
1785 heißt es über das „Wigbold Ostercappeln“, es habe“ keine Gerichtsbarkeit, aber „das Recht, anderweitige gerichtliche Erkenntnisse zu vollstrecken“ (Göttinger Gelehrte Anzeigen, 56. Stück, 9. April 1785, 557: Google-Eingabe „Wigbold Ostercappeln“). 1876 ist in der Marktordnung der Gemeinde vom „Weichbild Ostercappeln“ die Rede. „Weichbild“ meint im Westfälischen eine Halbstadt/Minderstadt, einen Marktflecken, einen befestigten Handelsplatz, eine Gemeinde mit (reduzierten) stadtähnlichen Rechten (vgl. hierzu Karl Kroeschell: Weichbild. Untersuchungen zur Struktur und Entstehung der mittelalterlichen Stadtgemeinden in Westfalen. Köln: Böhlau 1960; vgl. auch Albrecht Eckhardt: Vom Wigbold zur Stadt. Cloppenburg. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Cloppenburg 1 (1985), 42-64.).
Franz Lahmeyer stammte aus Ostercappeln. Gottfried Weber lebte 1833/34 im 7,5 km nordöstlich gelegenen Bohmte. Von Bohmte aus berichtete am 18. März 1833 der Wachtmeister Wieje seinen Vorgesetzten über Lahmeyers „Sinnreiche Einfälle“. „Daß Dings“ legte er dazu. Heute liegt es im Staatsarchiv Osnabrück (Vgl. Anm. 12.).
Nichts spricht dafür, die Gemeindebezeichnung „Wigbold“ personalisierend durch den Dammer „Amtsrichter Wiebold“ zu ersetzen und die Strophe 20 entsprechend „abzufeilen“. Druck und Vertrieb des Liedes um 1831 von Damme aus wären dann allerdings plausibel, mehr aber auch nicht. „Wigbold“ macht Ostercappeln und Lahmeyer schon eher plausibel.
Gottfried Weber kannte sich in Ostercappeln aus. Eine Jagd-Tasche hatte er sich dort für die Reise in die USA anfertigen lassen. Lahmeyers „Einfälle“ könnten sich darin als Abschrift befunden haben.

[16] Vgl. die Anm. 2 und 11.

[17] Vgl. Anm. 3.

[18] Vgl. Heinrich Arminius Rattermann: Friedrich Heinrich Röwekamp. In: Der Deutsche Pionier 13 (1881/82) 6, 211-217.

[19] Vg. Anm. 1, dort die Seiten 162 ff..   -   Jürgen Kessel hat übersehen (Anm. 28), dass Rattermann nicht „Dr. Franz Lahmann“ (den „gleichgesinnten Charakter aus Holtrup“?), sondern Friedrich Heinrich Röwekamp 1817 (24. April) in Drentwede zur Welt kommen lässt (212).