Antonius Holtmann

Einleitendes zu „Der Deutsche Pionier”

Der „Deutsche Pionierverein von Cincinnati“ ist am 26. Mai 1868 gegründet und 1961 aufgelöst worden. Von März 1869 bis zum 4. Quartalsheft des Jahres 1987 sind 18 Bände der Zeitschrift „Der Deutsche Pionier“ erschienen, zunächst monatlich, seit 1885 vierteljährlich. Danach gab es alljährliche Jahresberichte des Vorstandes (1887-1938), die „eine kurzgefaßte Zusammenstellung der Erlebnisse und der Wirksamkeit des ‚Deutschen Pionier-Vereins’“ vorlegten „unter Beifügung der kurzgefaßten Lebensbilder derjenigen Mitglieder, welche in den letzten zwölf Monaten aus unserer Mitte schieden, indem sie das Zeitliche segneten“. Ein „Revisions-Committee“ stellte zum Übergang vom „Deutschen Pionier“ zu den „Jahresberichten des Vorstandes“ fest: „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“ Diese Heine-Zitat wird argumentativ genutzt: „Es kommt eben nur darauf an, das Große und Schöne aus dem Leben der Todten hervorzuheben und der Nachwelt zuzuführen. Das war auch der Zweck der Gründung des „Deutschen Pioniers“, und er mußte deshalb aufgegeben werden, weil von demselben abgewichen wurde und dessen Spalten statt Skizzen von Pionieren, wie sie hierin beschrieben sind, so bald als möglich zu publiziren, zu Gunsten von Persönlichkeiten benutzt wurde, deren Wirksamkeit im gewöhnlichen Leben problematisch war.“(1)

Über den Verein, seine Zeitschrift und deren dominierenden Redakteur Heinrich Armin Rattermann (1874-1885) hat Rainer Sell 1985 in einem Aufsatz berichtet, der auf dem englischsprachigen Teil dieser Website zur Verfügung steht als Ersatz dafür, dass die 18 Bände nicht in englischer Übersetzung angeboten werden können. Als deutschsprachige Ergänzung zur Zeitschrift und zur Arbeit von Rainer Sell mag eine Buchveröffentlichung von Heinz von der Wall dienen.(2)

„Der Deutsche Pionier“ präsentierte im Februar 1870 in der Beilage zum 12. Heft des 1. Jahrgangs eine „Namens-Liste der Mitglieder des Deutschen Pioniervereins von Cincinnati“, nahezu zwei Jahre nach seiner Gründung. 527 Mitglieder (nur Männer!(3)) wurden alphabetisch aufgeführt, mit ihren Herkunftsorten. Im Jahre 1875 zählte man über 950 Mitglieder, von denen 450 auf einem „Riesenbild“, es „mißt 48 Zoll in der Höhe und 60 Zoll in der Breite“ (1,22 m x 1,52 m), mit ihren Porträt-Fotos abgebildet sind. Von einer „Riesengruppe der Bahnbrecher des Deutsch-Amerikanerthums, aus deren ernsten Zügen das Vereinsmotto: ‚Willenskraft, Wege schafft!’ uns kräftig entgegentritt!“, schrieb H. A. Rattermann. Ihnen sei es „beschieden“ gewesen, „in dem weiten Westen, wo vor kaum einem halben Jahrhundert noch dunkler Urwald mit darin hausenden wilden Thieren und noch wilderen Menschen war, eine Stätte der Kultur zu errichten.(4)

Heft 1 (Ende März 1869) dieses ersten Jahrgangs bietet redaktionelle Erläuterungen zu Verein und Zeitschrift an, eine Skizze zur Vereinsgründung, die „Constitution“ und poetisch-pathetische Vergewisserungen der in der Satzung prosaisch benannten Zielsetzungen.(5)

„Ja! fördert Ihr die deutsche Sitte
Nicht Politik, nicht Religion
Sei jemals in der Kämpen Mitte
Der Gegenstand der Diskussion.
Nein! Festigt enge Eure Bande!
Webt das Erlebte froh hinein!
Weit klingt der Ruf im ganzen Lande:
Hoch deutschem Pionier-Verein!
(6)

Spätestens seit der am 9. März 1873 „als rechtskräftig“ erklärten „Neuen Verfassung“ wurde „Cincinnati und Umgegend“ durch „Amerika“ ersetzt.(7)

Am 7. September 1875(8) beantragten 6 Mitglieder, dass „die in Zukunft aufzunehmenden Mitglieder mindestens 50 Jahre alt sein müssen“ und niemand mehr aufgenommen werden soll, der nach dem Jahre 1850 eingewandert“ ist.(9) „Mit großer Mehrheit“ wurde dieser Antrag „verworfen“ mit der Begründung des Vorstandes, dass . . . (die) jetzige Generation noch eine Generation von Pionieren (sei), und in Jahrhunderten nach uns (werde) man uns alle als die Pioniere des Westens anerkennen“. Man habe „eine fünfundzwanzigjährige Einwohnerschaft in Amerika und das Alter von 40 Jahren als Qualification der Aufnahme in den Verein bestimmt, . . . damit die Mitglieder den würdigen Ernst repräsentieren mögen, welcher den Verein zu seiner hohen kulturhistorischen Mission“ befähige: „Eine Abänderung dieser Prüfungszeit oder eine Einschränkung bis zu einer gewissen Periodewürde die Bildung von Klassen in dem Verein herbeiführen, deren wir leider schon jetzt zwei verschiedene besitzen. Gegenüber unseren anderen deutsch-amerikanischen Mitbürgern aber würde der Verein eine Ungerechtigkeit zeigen, welche dem Verein das ihm allseitig gehegte Wohlwollen mit einem Schlage rauben möchte. Nur so lange wird der Verein wachsen und gedeihen, als er sich bestrebt, auch der Außenwelt gerecht zu werden; tritt er aber in den engen Kreis der Abgeschlossenheit, so wird das Interesse an denselben bald schwinden und der Verein rascher zerfallen als er aufgebaut worden ist.“

Ein zweiter Antrag von 17 Mitgliedern, „daß nach Schluß des jetzigen Jahrgangs die Publikation als Monatsschrift des Vereins ‚Der Deutsche Pionier’  eingestellt . . . (und) dann nur alljährlich ein Jahresbericht veröffentlicht . . . werden soll“, wurde „mit einer mehr als neunzehntel Mehrheit für immer auf den Tisch gelegt, d. h. verworfen“. Der Vorstand hatte auch in diesem Falle die Begründung geliefert: Der Antrag verkenne das „Wesen des Vereins“. Er verdanke „seiner Monatsschrift fast allein seine Stärke sowie seinen hochstehenden Namen“. Verein und Zeitschrift seien „weit und breit bekannt, und nicht wenig (werde) Cincinnati beneidet, dass hier ein so herrlicher deutscher Baum wurzelt, welcher so schöne und dankbare Früchte trägt. Für den künftigen Geschichtsschreiber Amerika`s sind die Jahrgänge des Pionier bereits von unschätzbarem Werthe, welcher sich noch umso mehr erhöht, je mehr Jahrgänge sich an die bereits erschienenen anreihen“.

18 Jahrgänge sind veröffentlicht worden. Auf dieser Website sind sie verfügbar, nun aber wirklich „weit und breit“.

„Der Deutsche Pionier“ und die späteren „Vorstandsberichte“ sind mit ihren „Erinnerungen“ und Nachrufen allerdings bei derartigen „Documenten, Notizen etc.“ mit gebotener Vorsicht zu benutzende Fundgruben.

Zum Beispiel der „Nekrolog“ auf Gottfried Martin Weber. Er wurde im Vorstandsbericht 1890/91 veröffentlicht.(10) Es ist eine kleine biographische Skizze, gefällig, also geglättet, und auch vom Hörensagen gespeist, also unzulänglich.

Gottfried Weber ist zwar im Königreich Hannover geboren, aber, um genau zu sein, in Barenau im Kirchspiel Engter in der Landdrostei Osnabrück. Er ist nicht schon 1821 ausgewandert, sondern erst im Frühjahr 1834.(11) Auf den Weg gemacht hat er sich nicht nach Cincinnati/Ohio, sondern sofort nach Fort Wayne/Indiana und erst 1834/35 nach Cincinnati. Er hat nicht „zunächst (also schon 1821) am Miami Kanal (Miami-Erie-Kanal) und in Fort Wayne“ gearbeitet, sondern erst 1834 in Fort Wayne am Wabash-Erie-Kanal. Er hat nicht im Mai 1835 Elisabeth Boeser geheiratet, sondern am 27. Februar 1835 Catharina Elisabeth Boje. Er hat nicht in einer „glücklichen Ehe“ gelebt, sondern mit einer Ehefrau, die er undankbar genannt hat („was ein Kloz ist bleibt Ein Kotz.“), und mit seinen Söhnen habe er viel „Verdruß“ erfahren („da die Kinder Klein waren hatte ich Vergüngen da sie Menner Sein Verdruß“.).(12)

Gottfried Webers „Kurtze Beschreibung“ enthält nichts zu seiner Tätigkeit als Feuerwehrmann. Er war dort nur für kurze Zeit und schon gar nicht ein „eifriges Mitglied“. Am 2. Januar 1848 wurde „G. Webber“, wohnhaft „at Shoenberger`s, Front St.“, als Mitglied in eine „Fire Company“ aufgenommen. An einer Parade mag er, uniformiert, im September 1844 teilgenommen haben. Am 18. November 1845 wurde seinem Antrag stattgegeben, an Löschaktionen nicht teilnehmen zu müssen, so lange er an seiner Brusterkrankung („disease in his chest“) leide. Am 7. April 1846 wurde seine Erklärung, aus der „Fire Company“ austreten zu wollen, vorschriftsmäßig akzeptiert.(13)


Zum Beispiel der Aufsatz von Heinrich Arminius Rattermann: Zwei Agitatoren der Auswanderung. II. Franz Joseph Stallo. In: Der Deutsche Pionier 7 (1875/76) 1, 2-16. Dieser Aufsatz und Überlegungen dazu sind auf dieser Website online zugänglich:

Antonius Holtmann: Franz Joseph Stallos „Lied aus Amerika“ (1831) und „Sinnreiche Einfälle“ des Franz Lahmeyer (1833). Trügerische „Erinnerungen aus dem deutschen Pionier-Leben in den Vereinigten Staaten“.



[1] Jahresbericht des Vorstandes des Deutschen Pionier-Vereins von Cincinnati, Ohio für das Verwaltungsjahr 1887-1888. Cincinnati: Rosenthal 1888

[2] Rainer Sell: Der Deutsche Pionier-Verein von Cincinnati, Heinrich Armin Rattermann, and Der Deutsche Pionier: A Nucleus of Nineteenth-Century German-America. In: Yearbook of German-American Studies 20 (1985), 49-60.  -  Heinz von der Wall (Hg.):Heinrich Arminius Rattermann. Außer dem Vaterlande ist auch eine schöne Welt . . . Zum Leben und Werk des deutsch-amerikanischen Historikers und Autors, 1832-1923. Bersenbrück: Kreisheimatbund Bersenbrück 1989   

[3] „Die Frau des Pioniers“ wird erstmals im 7. Heft des 1. Jahrgangs (1869/70) der Zeitschrift „Der Deutsche Pionier“ poetisch gewürdigt. Im Kampf mit „listigen Rothhäuten“, die ihre Familie überfallen, „rafft das Weib die Axt vom Sitz / Und niederfährt sie wie der Blitz. / Noch rascher fällt ein zweiter Schlag. / Der Wilde stürzt, das Haupt zerspalten. / Zerschmettert folgt der Häuptling nach.“ Ihr Mann wird erschlagen: „Und bei des Gatten bleichem Haupt / Hebt sie zum furchtbar’n Schwur die Hände, / Daß seit das Liebste ihr geraubt / Nie eine Rothaut Gnade fände.“ Am Grabe „sie sieht die Kinder betend knie’n: / ´Zur Rache will ich Euch erzieh’n`“.

[4] Der Deutsche Pionier 1 (1869/70) 12 (Beilage).  -  Heinrich Arminius Rattermann: Das neue Pionierbild. In: Der Deutsche Pionier 7 (1875) 4, 156-162. Dieser Beitrag enthält die Namen der Abgebildeten und eine (verbale) „Revue der älteren und bedeutenderen Mitglieder des Vereins“.  -  „Eine verkleinerte Copie“ des Originals der Portrait-Galerie, „20x24 Zoll groß“ (51 cm x 61 cm), befindet sich im Archiv der Campbell County Historical and Genealogical Society in Alexandria, KY, mit deren freundlicher Erlaubnis es hier präsentiert wird (Foto: J. A. Moore). „Copien des Bildes“ waren 1875 „@ $ 3.00 zu haben beim Sekretär des Pionier-Vereins“.

[5] Der Deutsche Pionier 1 (1869/70) 1, 1-4, 25-29

[6] Die Vermutung liegt nahe, dass man mit § 2 („Mitglieder“) die nach der in Deutschland gescheiterten Revolution von 1848/49 in die USA ausgewanderten bzw. geflohenen „48er“ , Bildungsbürgerliche zumeist und nicht so sehr Arbeiter und Handwerker, Landarbeiter und Bauern und Kaufleute, zunächst einmal nicht in den eigenen Reihen sehen wollte. „Discussionen“ über Religion und Politik“ (§ 9) wurden in der deutschsprachigen Presse von Cincinnati schon zur Genüge ungewöhnlich heftig und bis hin zu Beleidigungen aggressiv geführt, gerade auch in den Jahren des Bürgerkriegs (1861-1865) und danach zwischen den Anhängern der an einem Verständigungsfrieden orientierten Demokratischen Partei in den Nordstaaten und den Anhängern der an einem Siegfrieden orientierten Republikanischen Partei des Nordens. Die „Pioniere“ waren zu großen Teilen Demokraten (einige zumindest gewesen) und die „48er“ zu nicht minder großen Teilen Republikaner. Und auch die Streitigkeiten zwischen deutschen Katholiken, (orthodoxen) Reformierten, Lutheranern und liberalen Protestanten und all dieser mit den „Freisinnigen“ wurden in der Öffentlichkeit vehement ausgetragen.

[7] Der Deutsche Pionier 5 (1873/74) 1, 32

[8] Der Deutsche Pionier 7 (1875/76) 7, 293-296

[9] Es könnte ein letzter hilfloser Versuch gewesen sein, sich der „48er“ nicht nur zunächst einmal, sondern nun grundsätzlich zu erwehren. Der Verein hätte mit der Annahme des Antrags sein Dahinsiechen zugleich mitbeschlossen.

[10] Vorstandsbericht des Deutschen Pionier-Vereins von Cincinnati 23 (1890/91), 16 („Martin Gottfried Weber, 1803-1890“).  -  Vgl. auch G. Webers (hervorgehobenes) Foto auf dem Poster von 1875 (Vgl. Anm. 4).

[11] In seinen Lebenserinnerungen von 1877 (Vgl. Anm. 12.) gibt Gottfried Weber an, er sei an Bord der „Eleonore & Henriette“ in die USA ausgewandert. Dieses Schiff habe Bremerhaven am 10. April 1834 verlassen; es sei am 23. Mai 1834 in New York eingetroffen; so berichteten es die „Oldenburgische(n) Blätter“ vom 10. März 1835. Der Tag der Abreise stimmt mit den Angaben Gottfried Webers zum Schiffbruch des Seglers „Shenandoah“ vor Mellum in der Wesermündung überein. Schon wenige Tage später ist dieses Unglück amtlich untersucht worden (Staatsarchiv Bremen: „Strandung des amerikanischen Schiffes ‚Shenandoah’“, C 2-p.8 B. 8. a. Bd. 2, Nr. 221). Die Passagierliste der „Eleonore & Henriette“ scheint nicht erhalten zu sein.   -   Die handschriftliche Liste der Gründungsmitglieder des Deutschen Pionier-Vereins von Cincinnati gibt als Abreisetag in Bremen den 21. April 1832, als Ankunftstag in New York den 12. Juni 1832 und als Ankunftstag in Cincinnati den 26. Juni 1832 an. Gottfried Weber hat diese Eintragung eigenhändig durch seine Unterschrift bestätigt, ohne sie deswegen auch schon verantworten zu müssen: Alle Daten dieser Liste sind von einer Person handschriftlich registriert worden (Cincinnati Historical Society/Cincinnati Museum Center: „Deutsche Pionier Verein Records“, Mss fD 486, Vol. I, Page 14).

[12] Die Lebenserinnerungen des Gottfried Weber werden für die Veröffentlichung vorbereitet. Eine Kopie des Manuskripts und bisher recherchierte Informationen befinden sich in der Forschungsstelle Deutsche Auswanderer in den USA (DAUSA). Der Titel: „Eine Kurtze beschreibung Von Gottfried Weber Von Cincinnate state Oheo Nort Amereka zum geschenk für Wilhelm Rittmann zu Barenaue Colone Langefeld Bay Engter Osnabrück. In Jahre 1877. d. 21. June geboren in Jahre 1803, Geburtstag“. -   Vgl. vorläufig: Antonius Holtmann: Bohmte  -  Bremen  -  Public Landing. Eine Erfolgsgeschichte aus Cincinnatis 19. Jahrhundert als genealogische Rekonstruktion. In: Die Maus, Gesellschaft für Familienforschung e. V. (Hg.): Über Bremen in die Welt; Grußworte und Vorträge zum 54. Deutschen Genealogentag in Bremen. Clausthal-Zellerfeld: Papiertiger 2002, 59-70. (online)

[13] Cincinnati Historical Society/Cincinnati Museum Center: Mss. 500, Vol. 31