Antonius Holtmann

Keine Entwarnung: Fallstricke wie gehabt!
Die Weiterführung von „Germans to America“[1] – eine überflüssige Edition[2]

Wer schon eine erste Serie veröffentlicht hat, wiederholt gemeinhin nicht deren offensichtliche Unzulänglichkeiten, die dazu noch nun schon 10 Jahre lang öffentlich gemacht worden sind.[3] Das „Germans to America“-Team (GTA) hat keine Scheu, dies zu tun.
Um mich selbst nicht arg zu wiederholen, hier nur meine Bilanz zur Serie 1850–1897, die ich auf die ersten beiden Bände der Serie II übertrage: Auch sie sind mangelhaft, aber hilfreich, um evtl. einen (unzulänglichen) Zugang zu den originalen Passagierlisten auf den Mikrofilmen der National Archives Microfilm Publications (NAMP) zu finden und, wenn der Zeitraum der Einreise nicht hinreichend eng eingegrenzt werden kann, der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen zu entgehen. Der Verdacht ist dringend, daß dieses Urteil auch für die Bände 3–6 zu gelten hat.

Die zweite Serie ist überflüssig. Für die Jahre 1820–1850 liegen jeweils für Boston und Baltimore (bis 1852), New York und New Orleans und auch für Philadelphia (sogar ab 1800) von Ira A. Glazier nicht zu verantwortende Namenindizes auf CD-ROM vor, die, anders als „Germans to America“, auch Nichtdeutsche registrieren, auch Österreicher zum Beispiel.[4]
Mehr als Namenindizes sind die neuen Bände auch nicht, dazu noch um Nichtdeutsche (das sind auch Österreichs Deutsche) reduziert. Man erfährt u. a. nicht den Status der Unterbringung (Kabine oder Zwischendeck), nicht die Gesamtzahl der Passagiere, nicht Namen und Anteil von Deutsch-Amerikanern. Was man schon in den letzten Bänden der ersten Serie praktizierte, wird auch hier nicht unterlassen: Die Namen erscheinen in den ausgedünnten transkribierten Listen nicht mehr in der Reihenfolge der Eintragungen in das Original, sondern alphabetisch und dann nach Alter sortiert. Lokale und regionale Zusammenhänge gehen verloren, und, wer immer auch z. B. Meyer heißt auf einem und dem selben Schiff, kann auf diese Weise vom GTA-Team in virtuelle Verwandtschaften hineingezwungen werden. Auch diese Bände sind also nicht zitierwürdig, und sie sind auffällig unvollständig. Jede Angabe muß an Hand der Originale überprüft werden. Wer nicht fündig wird, kann auf den Mikrofilmen immer noch etwas finden. Wer sich auf „Germans to America“ verläßt, steht wirklich recht verlassen da.
 

Die Liste der „Olbers“ (1839), die es verdient hätte, auch von „Germans to America“ erfaßt zu werden

Die zweite Serie mit 1840 beginnen zu lassen ist nicht plausibel. Das war schon nicht der Beginn der ersten Serie mit 1850. Seit 1820 waren Passagierlisten durch ein Bundesgesetz verpflichtend für alle in den USA ankommenden Schiffe vorgeschrieben. Noch immer entgeht den GTA-Nutzern z. B. ein kalligraphischer und kirchengeschichtlicher Leckerbissen, die Liste der „Olbers“ (21. Januar 1839, Bremen – New Orleans) mit altlutherischen sächsischen Gründervätern der Missouri Synode an Bord, mit Martin Stephan aus Dresden an der Spitze und mit deren familiärem Anhang (NAMP 259, R. 17). Aber was soll’s? – Es gibt ja schon die vom GTA-Team nicht zu verantwortende CD-ROM als Zugang zur originalen Liste der „Olbers“. Und in einigen Jahren dürfte Ellis Islands kostenloses Internet- Angebot (www.ellisisland.org: American Family Immigration History Center), das bisher nur die Jahre 1892–1924 in Bezug auf den New Yorker Hafen abdeckt, auch die Jahre 1800/ 1820–1891 in Bezug auf alle Ankunftshäfen der USA erfaßt haben.[5]
Die Befunde sind abermals erschreckend.

Das Jahr 1840

Boston verliert in GTA die Liste der Stettiner Brigg „Traub“, die in Rotterdam 85 Deutsche an Bord genommen hatte und am 10. August 1840 in den USA eingetroffen war. So geht z. B. der Arzt Johann Sebastian Deisen, 33 Jahre alt, in GTA verloren (NAMP 277, R. 13). Auf der CD (256) gibt es ihn, er hat aber den zweiten Vornamen eingebüßt, und der Abfahrtshafen wird verschwiegen. Da hilft nur das Original.
Die Listen von 3 Schiffen mit deutschen Passagieren an Bord machen die National
Archives der Öffentlichkeit auf Mikrofilm zugänglich: von 2 Schiffen mit je l deutschen Passagier; von l Schiff mit 85 deutschen Passagieren. Keine dieser Listen wurde berücksichtigt. Es fehlen 87 Passagiere.

Philadelphia verliert z. B. die Liste der Bremer Brigg „Stern“, der 62 Deutsche am 25. Juni 1840 entstiegen (NAMP 425, R. 56), unter ihnen der „Upholsterer“ August Lautenbach, 35 Jahre alt, nicht 25, wie uns die CD (359) versichert.
Die Listen von 10 Schiffen mit deutschen Passagieren an Bord machen die National
Archives der Öffentlichkeit auf Mikrofilm zugänglich: von 5 Schiffen mit insgesamt 14 Passagieren; von 5 Schiffen mit insgesamt 353 Passagieren. Keine dieser Listen wurde berücksichtigt. Es fehlen 367 Passagiere.

New Orleans verliert entschieden mehr: Zum Beispiel 10 Deutsche auf der „Liverpool“ aus Liverpool (19. Juni 1840); z. B. den Kaufmann Heinz Volcker, 25, der am 21. März 1840 mit der Brigg „Emilio“ aus Havanna kam (NAMP 259, R. 20), aber auch 11 Personen der Familien des Kupferstechers C. A. Schmidt (34) und des Juweliers A. D. Meyer (50), die, aus Hamburg und Altona kommend, am 14. September 1840 an Bord der „Tiber“ einreisten (NAMP 259, R. 21). Die CD (358) gibt nur „Germany“ an und unterschlägt damit schon vor 1864 Altonas Zugehörigkeit zu Dänemark.
GTA unterschlägt auch die Quarterly Abstracts (Vierteljahresberichte der Hafenbehörden an die Bundesregierung in Washington D.C.). Sie enthalten abgeschriebene Listen mit den Ankunftsdaten und den Schiffsnamen und Herkunftshäfen, z. B. die der am 23. November 1840 aus Bremen angekommenen „J. H. Adami“ mit 120 Deutschen an Bord (NAMP 272, R. 2). 21 Listen sind es insgesamt, die so über einen Zeitraum von 3 Monaten unterschlagen werden: Von Oktober bis Dezember 1840 fehlen die den Hafenbehörden übergebenen Originale auf den Mikrofilmen.
Auf 4 in GTA berücksichtigten New Orleans-Listen, die allen Passagieren ihre Herkunftsorte zuschreiben, verlieren ihn mehr als die Hälfte der Reisenden. Auf der Liste der „Louise Friederike“ (27. Januar 1840) z. B. sind es 24 von 40 Passagieren (NAMP 259, R. 19). Professor Seidensticker aus St. Louis läßt man darüber hinaus aus einem unbekannten Ort in Deutschland kommen, ebenso den Kaufmann Geo. Mo. Spange, der mit der niederländischen Stadt Vlissingen als „last dwelling-place“ im Original eingetragen ist.
Die Listen von 93 Schiffen mit deutschen Passagieren an Bord machen die National
Archives der Öffentlichkeit auf Mikrofilm zugänglich, davon 21 nur im Rahmen der Quarterly Abstracts. Davon wurden 51 Listen nicht berücksichtigt, darunter auch alle 21 Listen in den Quarterly Abstracts, die als Quelle gar nicht in „Germans to America“ einbezogen worden sind (von Oktober bis Dezember 1840 sind nur Frachtbriefe ohne Passagiernamen auf der Passagierlisten-Filmrolle berücksichtigt): 24 Listen mit ca. 90 deutschen Passagieren; 27 Listen mit ca. 2660 deutschen Passagieren. Es fehlen ca. 2750 Passagiere.

Die Liste der „Tiber“ (1840), die „Germans to America“ verschwinden läßt

New York wird nicht minder arg mitgespielt. Da fehlt z. B. die Liste der Brigg „Perry S. Hamilton“ aus Hamburg mit dem „Ropemaker“ Friedr. August Klarich (40), angekommen am 2. September 1840, auch die der „William H. Rüssel“ aus Le Havre mit zahlreichen „Rheinbayern“ an Bord (20. April 1840).
Allen 105 Passagieren der Bremer Bark „Republik“ (3. Juni 1840) werden die Herkunftsorte genommen, und 7 der 12 Passagiere der Bremer Brigg „Bremen Packet“ (24. Februar 1840) gehen ihrer Herkunftsorte verlustig: Charles Thielemann und G. C. Huett kommen beide aus Bielefeld, unübersehbar! Dieser verliert in GTA den Ort, jener behält ihn ...
Im Umgang mit der Liste der „Albany“ aus Le Havre (20. August 1840) stieß das GTATeam an seine geographischen und regionalhistorischen Grenzen: Alle Passagiere aus „Franconia“ (Franken!) sind wohl als Nichtdeutsche disqualifiziert und nicht berücksichtigt worden: 125 an der Zahl! 186 Passagiere waren an Bord. (NAMP 237, R. 41–44). Die Listen von 223 Schiffen mit deutschen Passagieren an Bord machen die National Archives der Öffentlichkeit auf Mikrofilm zugänglich. Davon wurden 96 Schiffe nicht berücksichtigt: 68 Listen mit ca. 300 deutschen Passagieren; 28 Listen mit ca. 2700 deutschen
Passagieren. Es fehlen ca. 3000 Passagiere.

Baltimore schneidet 1840 relativ vorteilhaft ab, decouvriert aber auch die „Alphabetisierung“ der Reihenfolge der Eintragungen ins Original: Z. B. das Meyer-Trio auf der GTA-Liste der „Gustav“ (Bremen – Baltimore, 25. Mai 1840; NAMP 255, R. 2). Ann Mary Meyer ist mit dem Herkunftsort Venne, Henry Meyer mit Recke und Derrik Meyer mit Glane im Original registriert. In GTA behält Ann Mary Meyer ihren Herkunftsort, sie verliert aber ihren zweiten Vornamen. Henry und Derrik Meyer verlieren ihre Herkunftsorte. Venne liegt ca. 15 km nördlich, Recke ca. 25 km nordwestlich und Glane ca. 15 km südlich von Osnabrück, sofern es sich nicht um Glane bei Wildeshausen handelt, ca. 100 km nördlich von Osnabrück. Da wächst dank GTA zusammen, was zunächst einmal nicht zusammen gehört:

Meyer, Derrik (30), unknown village,
Henry (29), unknown village,
Ann (20), Venne.

Die alphabetische und altershierarchische Umgestaltung der Passagierliste und die nur einmalige Nennung des Familiennamens durch das GTA-Team suggerieren die (familiäre?) Vereinigung zum Meyer-Duo, wenn nicht gar zum Meyer-Trio.
Die Listen von 38 Schiffen mit deutschen Passagieren an Bord machen die National
Archives der Öffentlichkeit auf Mikrofilm zugänglich. Alle diese Listen sind berücksichtigt worden. 32 Listen enthalten auch den Herkunftsort eines jeden Passagiers. 50 % und mehr der Passagiere verlieren auf jeder dieser Listen in „Germans to America“ ihren Herkunftsort.
Die Listen von 367 Schiffen, die 1840 mit deutschen Passagieren an Bord in den USA angekommen sind, machen die National Archives der Öffentlichkeit auf Mikrofilm in Bezug auf die Häfen Boston, Philadelphia, New Orleans und New York zugänglich. Davon berücksichtigt „Germans to America“ 207 Schiffe. 160 Schiffe mit ca. 6200 deutschen Passagieren werden nicht berücksichtigt. 1840 sind ca. 30 000 Deutsche in die USA eingewandert.[6] Ca. 20 % der eingereisten deutschen Passagiere fehlen in „Germans to America“.

Kuriositäten (1840–1843)

Ich greife noch einmal auf die Liste der „Albany“ zurück. Zwei einjährige Kinder sind während der Reise am 8. Juli und am 6. August 1840 gestorben. In GTA werden daraus 49 Tote. 125 Franken hat man eh schon gestrichen. Nur 12 von 186 Passagieren läßt man am 20. August 1840 in New York von Bord gehen.
Am selben Tag legte die „Great Britain“ (Le Havre) in New York an. Was die „Albany“ in GTA an Passagieren verloren hat, macht die „Great Britain“ mehr als wett: Zu einer realen Geburt fügt sie 220 virtuelle hinzu. Deren GTA-Liste dokumentiert Wunderbares: Ganze Familien kommen während der mehrwöchigen Reise auf hoher See zur Welt, z. B. die zehnköpfige Familie Kussel (49 – 3 Jahre alt) und die achtköpfige Familie Wagner (44 – 4 Jahre alt). Selbst den Nachkommen der 67jährigen Barbara Zweifel suggeriert das GTATeam, nicht an deren Geburt an Bord der „Great Britain“ Zweifel zu hegen – oder halt doch zu verzweifeln. Wer bezweifelt da nicht die Kompetenz des GTA-Teams – und wer verfällt
da nicht ins Kalauern!? Nicht genug damit: 121 Passagiere der „Ferdinand“ z. B. (Bremen – Baltimore, 11. Juni 1840; NAMP 327, R. 2) läßt „Germans to America“ aus Darmstadt kommen, obgleich nur 27 mit Darmstadt ins Original eingetragen sind in der Rubrik „Kingdom“. Nicht die Stadt, sondern Hessen-Darmstadt ist gemeint, keinesfalls also ein fiktives Darmstadt in Bayern, in Sachsen, in Hessen, in Hannover, in Württemberg und in „Germany“. GTA bringt es auch fertig, auf dem Weg von Le Havre nach New Orleans das Königreich Bayern in Frankreich unterzubringen („Sea Lion“, 8. Juni 1843), Baden ebenfalls („Mozart“, 30. Januar 1843) und schließlich auch noch „Germany“ gänzlich in „France“ aufgehen zu lassen („Echo“, 10. März 1843) (NAMP 259, R. 22).
Auch Oldenburg wird nicht verschont: Die „Mozart“ hat es dem GTA-Team angetan.
Nur 2 Passagiere kommen, diesmal (1. Juli 1842) auf dem Wege von Bremen nach New
York, laut Original aus dem Großherzogtum Oldenburg. 181 sind es in GTA, nun als Bewohner seiner Hauptstadt ausgegeben und auf die deutschen Staaten verteilt: auf Oldenburg in Bayern und Bremen, auf Oldenburg in Hessen und Sachsen, auf Oldenburg in Württemberg und Preußen, auf Oldenburg in Baden – und auf Oldenburg in Oldenburg. W. M. Meyer, im Original aus dem Großherzogtum Oldenburg, führt den Massenexodus derer an, die in seinen Sog geraten sind: er kommt laut GTA aus der Stadt Oldenburg in der Freien und Hansestadt Bremen. (NAMP 237, R. 49).
Das GTA-Team berichtet also über erstaunliche Phänomene. Es präsentiert in „Germans to America“ ein virtuelles Kuriositäten-Kabinett des Jahres 1840, das sich nach Abgleich mit den Originalen auf den Filmrollen der National Archives ins Nichts verflüchtigt:

Massenauswanderungen:


Massengeburten:
 


Massensterben:
 


Volume 2 (Juli 1843 – Dezember 1845)

Oberflächlich durchgeblättert: Und schon springt Desolates ins Auge. Die „Cumberland“ (Bremen – Baltimore, 11. August 1845) zum Beispiel: Von 147 Passagieren verlieren in GTA 91 ihren Herkunftsort, 20 davon allerdings zu Recht, des lädierten Originals wegen, und 101 Passagiere scheiden dahin, obgleich nur 3 Personen als Verstorbene im Original registriert sind (NAMP 255, R. 4).
Band 2 reicht bis Ende Dezember 1845. Die letzte Liste eines in New Orleans angekommenen Schiffes ist in „Germans to America“ die der Bremer „Everhard“ vom 29. Dezember 1843. Die der „Westphalia“ (31. Dezember 1843), ebenfalls aus Bremen, fehlt. Die Filmrolle mit den Originalen bietet vom 1. Januar 1844 bis zum 16. Oktober 1844 nur „Cargo-Manifests“ an, danach aber 117 Listen mit deutschen Passagieren, vom 17. Oktober 1844 bis zum 31. Dezember 1845. Vom Januar bis zum März 1845 fehlen auf der Rolle alle Listen. Aber die Quarterly Abstracts haben in bezug auf diesen Zeitraum 24 Listen abschriftlich konserviert, mit Schiffsnamen und Ankunftstagen, auch schon mal mit Herkunftsorten (NAMP 272, R. 2,3).[7] GTA nimmt davon keine Notiz. Die Bilanz: Über einen Zeitraum von 2 Jahren (1844/1845) fehlen in Volume 2 der Series II von „Germans to America“ 141 Passagierlisten mit deutschen Reisenden, die New Orleans zum Ziel hatten. In bezug auf den Dezember 1845 sind es allein 25 Listen mit insgesamt 3733 Passagieren, also im Durchschnitt 150 Passagiere pro Schiff (NAMP 259, R. 23, 24).
In bezug auf die Jahre 1844/1845 sind gut 20 000 in New Orleans angekommene Passagiere von „Germans to America“ nicht berücksichtigt worden. Jürgen Eichhoff hat die Zahl der deutschen Einwanderer in den beiden Jahren auf insgesamt ca. 55 000 geschätzt. Unterstellt, diese Zahlen seien korrekt, wären das ca. 36 %. Ginge man von 100 Passagieren pro Schiff aus, wären es immer noch ca. 25 %. Nicht berücksichtigte Listen dürfte es für die Jahre 1844/1845 in „Germans to America“ darüber hinaus auch in bezug auf Boston und Baltimore, New York und Philadelphia geben.

Fehlende Listen in beiden Serien
Passagierlisten fehlen als Einzelstücke in „Germans to America“, immer wieder, vor allem die mit wenigen Deutschen von Schiffen, die in britischen Häfen ablegten. Sie fehlen aber auch im Block. Auf 11 Zeiträume mit 548 Listen, die auf den Mikrofilmen der National Archives zu finden sind, stießen wir bisher in unserer Forschungsstelle, nicht im Kontext hämischer und verbissener systematischer Suche nach Unzulänglichkeiten, sondern im Zusammenhang mit Einzelrecherchen. Es fehlen in der Buchedition, ab 1850 auch auf den CDs (1850–1888) und in der DAD (l 850–l 892):

Galveston:
1850–l 871: 39 Listen

Baltimore:
4. August 1856 – 17. Januar 1860: 79 Listen

New Orleans:
l. Oktober 1840 – 31. Dezember 1840: 21 Listen (in den Quarterly Abstracts)
1. Januar 1844 – 31. Dezember 1845: 141 Listen (Originale und in den Quarterly Abstracts)
1. Juli 1854 – 31. Dezember 1854: 61 Listen (Originale und in den Quarterly Abstracts) __________

New York:
10. Juli 1851 – 9. Oktober 1851: 86 Listen (dazu 4 Baltimore-Listen und 3 Philadelphia-Listen) 19. Mai 1855 – 30. Mai 1855: 13 Listen
22. August 1890 – 28. November 1890: 42 Listen (dazu 11 Baltimore-Listen) 1. Juni 1892 – 30. Juni 1892: 32 Listen
15. Juni 1893 – 24. Juni 1893: 17 Listen

Zum Beispiel fehlen vom l. Juli bis zum 31. Dezember 1854 in „Germans to America“
(Volumes 7–9) 61 Passagierlisten von Schiffen, die New Orleans mit deutschen Passagieren an Bord erreicht haben (NAMP 259, R. 40, 41). 20 kamen aus Bremen, 10 aus Le Havre, 9 aus Liverpool, 2 aus Hamburg, l aus Antwerpen, 42 also aus Europa, dazu 19 aus der Karibik: aus Vera Cruz (14) und aus Havanna (5).
Zum Beispiel die „Juno“, angekommen am 16. Oktober 1854. Deren Liste ist sauber geschrieben (NAMP 259, R. 40), auf dem Mikrofilm nicht zu übersehen und auch in den Quarterly Abstracts durchaus noch hinreichend lesbar abschriftlich erhalten (NAMP 272, R. 12).
Warum fehlt diese Liste? Ist sie nach der Verfilmung durch die National Archives verloren gegangen? Man hat sich auf die Originale beschränkt, die den Herausgebern von „Germans to America“, Ira A. Glazier und William P. Filby, 1984 von den National Archives zur Verfügung gestellt worden sind. Man hat sie nicht mit den Listen auf den Mikrofilmen abgeglichen, so daß Fehlbestände in den überlassenen Papier-Originalen aus dem 19. Jahrhundert nicht ausfindig gemacht werden konnten.
Die German Research Association in San Diego, CA (GRA) hat 1997 damit begonnen, die Fehlbestände in Bezug auf die Jahre 1850–1855 in „Germans to America“ (Volumes 1–9) zusammenzustellen und in ihrer Zeitschrift „The German Connection“ zu veröffentlichen: German Research Association, P.O. Box 711600, SAN DIEGO, CA 92171 1600 (donaritchi@ aol.com).
 

„Juno“, Bremen – New Orleans, 16. Oktober 1854

Die Mitte des Jahres 1851 hat man bisher erreicht, und dies auch nur in bezug auf den New Yorker Hafen. Allerdings kommen in den Bänden l–9 die Listen hinzu, die man gezielt in „Germans to America“ nicht berücksichtigt hatte: die Listen aller Schiffe mit weniger als 80 % Deutschen an Bord! (Aus der Introduction zu den „Germans to America“- Bänden: „In the 1850–1855 volumes, the passenger lists reproduced contain a minimum of 80 percent German surnames.“)!
Diese willkürliche Entscheidung provozierte willkürliche Selektionen. Der Kaufmann C. H. Kahl aus Hamburg z. B., der einzige Passagier auf der „Dalma“ (St. Thomas – New Orleans, 16. März 1850: NAMP 259, R. 32; GTA 1), zählt zu den für „Germans to Amerca“ Auserwählten (100 %), während dem Kaufmann Charles Harnish und seiner Frau Philippine, den einzigen deutschen Passagieren auf der „Wisconsin“ (Liverpool – New York, 2. Januar 1850: NAMP 237, R. 85), dies versagt bleibt: Sie waren nur von Briten und Iren, Schotten und Walisern und von 3 Amerikanern und einem niederländischen Professor umgeben, kamen also nur auf 0,77 %, waren also leicht zu übersehen. Bei den 162 Deutschen
(68,06 %) auf der „Statesman“ (Le Havre – New Orleans, 26. Januar 1850: NAMP
259, R. 32) müßte es dem GTA-Team schwer gefallen sein. Aber auch sie werden Opfer der 80 %-Hürde, also Fehlanzeige in „Germans to America“. Oder fallen sie nicht doch nur der in allen folgenden Bänden beider Serien üblich gewordenen Praxis zum Opfer, Listen immer wieder nicht zu berücksichtigen, z. B. auch nicht die der „Bark Columbia“ (Bremen – New Orleans, 12. Januar 1850: NAMP 259, R. 1), die 95,4 % Deutsche nachweist? Schlamperei liegt nahe, wenn selbst den eigenen Grundsätzen zuwider ein Schiff berücksichtigt wird, das deutlich unter der 80%-Marke liegt: In der Liste der „Hermann“ (Bremen/Southampton – New York, 9. Oktober 1850: NAMP 237, R. 93) sind nur 48 von 128 Passagieren als Deutsche registriert (37,5 %). Und doch hat man sie in den ersten „Germans to America“- Band aufgenommen.

Passagierlisten: Verfügbarkeiten

Zur Übergabe der Originale, auch initiiert durch Ira A. Glazier, an die Temple University (Balch Institute) in Philadelphia hat Joan Lowrey sich geäußert[8]: Der Verlagsleiter von Scholarly Resources (Vgl. Anm. 1.) habe gesagt, der Temple University seien 1984 von den National Archives „eleven tons of passenger lists“ überlassen worden, um Platz zu schaffen für Präsident Nixons „records and administration’s papers“. Ira A. Glazier habe ihr gesagt, sein Team versuche, nur die übernommenen Papier-Originale zu benutzen, weil man in den National Archives auch verkürzende Abschriften gefilmt habe. Er glaube nicht, daß es in den der Temple University überlassenen Beständen Kopien ohne Originale gebe.
In absolut zu vielen, aber relativ wenigen Fällen ist in den National Archives allerdings unsinnig verfahren worden: Obgleich das Original vorlag – man hat es ja abgeschrieben – hat man es nicht gefilmt. Die Abschrift auf dem Mikrofilm ist in diesen Fällen mit einem Stempel versehen worden: „Filmed because of poor condition of original“. Gerade das Original hätte doch des schlechten Zustandes wegen per Mikrofilm archivarisch gesichert werden müssen! Derartige Abschriften sollte man mit den zu Grunde liegenden Originalen vergleichen. Die Originale sind mittlerweile laut E-Mail-Auskunft der National Archives mir gegenüber (6. November 2003) den regionalen Zweigstellen der National Archives
überlassen worden. Die Zuordnung der Ankunftshäfen zu den Regionen und die Anschriften der Zweigstellen lassen sich leicht mit Hilfe des Internet erkunden: http://www. archives. gov/facilities/index. html.
Ira A. Glazier und das GTA-Team hätten gut daran getan, die Mikrofilme zur Grundlage von „Germans to America“ zu machen und die relativ wenigen dort einbezogenen Abschriften durch die entsprechenden Originale zu ersetzen. Wer „Germans to America“ (Bücher, CDs und DAD) überarbeiten will, müßte wohl so verfahren.
Die Lücken in „Germans to America“ mit Hilfe der Listen auf den Mikrofilmen und mit Hilfe der Quarterly Abstracts (New Orleans und Baltimore) zu füllen wäre notwendig, aber aufwendig und teuer. Es scheint mir auch nicht mehr sinnvoll zu sein. Ellis Islands American Family Immigration History Center wird’s schon bald richten (sofern sich die Unzulänglichkeiten von „Germans to America“ dort nicht variantenreich wiederholen und vor allem die Quarterly Abstracts nicht übersehen werden!) mit dem zu erwartenden Internet- Angebot der originalen Listen aller Ankunftshäfen ab 1820 (Vgl. S. 2 und Anm. 5.). Jedenfalls wird dann nicht mehr nach Nationalitäten unterschieden, so daß auch Österreichs Deutsche des 19. Jahrhunderts und Deutsch-Amerikaner endlich ihre Chance bekommen. Schon jetzt ist „Germans to America“ weitgehend überflüssig.
Auf CD (zu beziehen über www.ancestry.com und www.genealogy.com) werden abgedeckt:
– Boston 1820–1850,
…– New York 1820–1850,
– Philadelphia 1800–1850,
– Baltimore 1820–1872,
– New Orleans 1820–1850,
…– 16.–20. Jahrhundert durch den Passenger and Immigration Lists Index.
www.ancestry.com z. B. bietet jetzt auch online im Internet an (für ca. $ 20,– monatliche bzw. für $ 90,– jährliche Nutzung):
• New York 1851–1891, dazu die Daten der oben genannten Indizes (CD), aber auch die der
• Atlantic, Gulf and Great Lakes Ports 1820–1874 (Galveston, Texas 1846–1871 inklusive) und weiterer Bestände, z. B.
• Canadian Immigrant Records.
Auch diese Datenbestände sind noch hinreichend fehlerhaft, und einige Lücken bleiben ab 1851 bzw. 1873 (Baltimore), so daß man „Germans to America“ nicht ins Magazin verbannen sollte. Wer gründlich sucht, nutzt alle diese Zugänge – um dann zwecks letzter Absicherung auf die Mikrofilme der National Archives, d. h. auf deren Mikrofilm-Indizes (zum Beispiel: Baltimore 1820-1897, New Orleans 1853-1899, New York 1820-1846, Philadelphia 1800-1906) und -Originale zurückgreifen zu können. In Europa helfen dabei die Bestände (1800/1820– 1897) der Forschungsstelle Deutsche Auswanderer in den USA (DAUSA) der Universität Oldenburg.[9]
Wer von diesen Originalen keine Kopien haben möchte, kann sich einige Originale auch schon online ansehen (und ausdrucken und auf die eigene Festplatte bannen): New York 1851–1891 (www.ancestry.com) und New York 1892–1924) (www.ellisisland.org).
Eine Deutsche Auswanderer-Datenbank (online) auf der Grundlage der Ankunftslisten aufzubauen macht keinen Sinn mehr. Sinnvoll wäre es, die hiesigen (auch regionalen) Datenbestände aufeinander zu beziehen und zu nutzen. Hamburgs Staatsarchiv hat mit seinen Abgangslisten (1890ff.) damit begonnen (www.hamburg.de/LinkToYourRoots/ welcome.htm) und Die Maus in Bremen (1920ff.) auch (www.passagierlisten.de). Bremen steht aber in Bezug auf das 19. und beginnende 20. Jahrhundert weitgehend mit leeren Archiven da, weil 1875 auf höchster Ebene angesichts beengter Unterbringungsmöglichkeiten die Auswanderer-Registraturen für historisch wertlos („der Cassirung unterworfenes Material“) erklärt und demzufolge nicht länger als 2 Jahre aufbewahrt wurden.[10]

Nachtrag

Soeben traf Band 6 dieser „Series II“ (1. April 1848 – 19. Oktober 1848) ein (2003). Der Befund für die Zeit vom 1.–19. Oktober 1848:
Es fehlen die Listen von 11 Schiffen mit ca. 870 deutschen Passagieren.
Die Passagiere der „Minna“ (Bremen – New York, 15. Oktober 1848: NAMP 237, R. 75) haben auf dem Original alle ihren Herkunftsort, in „Germans to America“ nur 52 von 154, und auf der „Jason“ behalten ihn nur 52 von 139 Passagieren (Bremen – New York, 17. Oktober 1848: NAMP 237, R. 76). Deren Namen werden dazu noch durcheinander gemixt: Weder alphabetisch noch in der originären Reihenfolge rekonstruiert „Germans to America“ die Liste, und sie reißt dabei auch noch Johann (48 Jahre alt) und Mathilde (8) Gloth auseinander und trennt Anna (31) und Mita (1) Brunsen von Hermann (32) und Wilhelm (20) Brunsen.
Den Passagieren der „Clio“ (Hamburg – New York, 16. Oktober 1848: NAMP 237, R. 75) werden vom GTA-Team 57 Geburten auf hoher See zugewiesen. Nur eine trifft zu. Matchen Simberg (26) brachte an Bord der „Clio“ einen Sohn zur Welt. Man hat es in der nach der Geburt auf See geschriebenen Liste Vater Mad. (27) und der Tochter Hanna (3) zugeschrieben. Den Neugeborenen nannten die Eltern „Clio“. 56 Passagiere, deren Namen auf dem Original nach dem des kleinen Clio aufgelistet sind, kommen in „Germans to America“ auch an Bord zur Welt. W. Neumann ist mit 52 Jahren der älteste von ihnen.
Nur New York wird vom 1.–19. Oktober 1848 berücksichtigt, nicht Boston (NAMP 277, R. 27, l Liste) und auch nicht Baltimore (NAMP 255, R. 6, l Liste), nicht Philadelphia (NAMP 425, R. 67, 4 Listen) und auch nicht New Orleans (NAMP 259, R. 28, 3 Listen).


1 Glazier/Filby (Ed.): Germans to America. Lists of Passengers Arriving at US-Ports. Series II, Volumes l and
2 (January 1840 – December 1845). Wilmington, Delaware: Scholarly Resources 2002. (GTA) 2 Überarbeitung eines Vortrages, gehalten am 14. Juni 2003 in Bad Marienberg im Rahmen eines Expertengesprächs
der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz zur Auswanderung nach Nordamerika, – Wiederholungen langweilen. Ich erlaube sie mir nur, weil nach all der Kritik an der „Series I“, 1850–1897 (Vgl. Anm. 3.) grobe Unzulänglichkeiten in der „Series II“ mir nicht mehr zumutbar erschienen. Doch auch die „Series II“ mutet sie uns zu.
3 Vgl. Holtmann, Antonius: Wie man mit genealogischen Daten nicht umgehen sollte. 15 Jahre „Germans to America“. In: Genealogie 52 (2003) 1–2, S. 385–401. Einbezogen in die Kritik an dieser Buchedition sind die entsprechende, auch von Ira A. Glazier verantwortete, CD-Edition (Vgl. Anm. 4.) und die Datenbestände
der Deutschen Auswanderer-Datenbanbank (DAD: http://www.deutsche-auswandererdatenbank.de), denen für die Jahre 1850–1892 die Daten von „Germans to America“ zu Grunde liegen.
4 Die CDs sind zu beziehen von www.genealogy.com und www.ancestry.com. Vgl. unten Passagierlisten: Verfügbarkeiten.
5 Giuriceo, Judy: Die Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika über Ellis Island und ihre
Bedeutung für die amerikanische Familienforschung. In: Sielemann/Hering/Bollmann (Hg.): Überseeische Auswanderung und Familienforschung (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg, Band XVIII) Hamburg: Verlag Verein für Hamburgische Geschichte 2002, S. 29–44. Vgl. unten Passagierlisten: Verfügbarkeiten.
6 Eichhoff Jürgen: Säulendiagramm „IMMIGRATION FROM GERMANY“ 1820–1988 Madison, Wisconsin: German House Research 1989.
7 Die Quarterly Abstracts der Hafenbehörden von New Orleans decken, lückenhaft, die Jahre 1820–1875 ab (R. 1–17). – Auch Baltimore hat seine Quarterly Abstracts (NAMP 596, R. 1–6). Sie enthalten zwar keine Schiffsnamen und auch keine Ankunftstage, wohl aber, vierteljährlich zusammengefaßt, die Namen der Passagiere nebst Altersangabe, Geschlecht, Herkunftsland und Todesfälle. Sie decken, mit einigen Lükken, den Zeitraum von 1820–1869 ab. Auf dem Mikrofilm (NAMP 255, R. 2) fehlen z. B. fast alle Passagierlisten der Jahre 1820–1833 und die des Jahres 1839. Die Quarterly Abstracts enthalten die Namen zahlreicher Passagiere (R. 1: 1820–1829; R. 2: 1830–1833), die Abstracts auf R. 4 (1838–1845) für das Jahr 1839 die Namen von ca. 5800 Deutschen. – Auf der Baltimore-CD No 259 (1820–1852), aber auch auf der New Orleans-CD (1820–1850) (www.genealogy.com) sind die nur in den Quarterly Abstracts eingetragenen Passagiere nicht berücksichtigt worden! Sie wurden aber berücksichtigt von Michael Tepper: Passenger Arrivals at the Port of Baltimore, 1820–1834. Baltimore: Genealogical Publishing Co. 1982.
8 Joan Lowrey: Immigrant Passenger Lists Indexes. In: The German Connection 14 (1990) 4, S. 84–85, 88.
9 DAUSA, Universität Oldenburg, Institut für Politikwissenschaft, 26111 Oldenburg, Tel.: 04486–8484,
Fax: 04486–939126; antonius.holtmann@uni-oldenburg.de; http://www.dausa.de.
In der DAUSA sind als Mikrofilm-Indizes nicht verfügbar: Atlantic, Gulf, and Great Lakes Ports 1820-1874 und Boston 1848-1891.
10 Hofmeister, Adolf: Familiengeschichtliche Quellen zur Auswanderung in Bremer Archiven. In: Die Maus (Hg.): Genealogie und Auswanderung: Über Bremen in die Welt. Clausthal-Zellerfeld: Papierflieger 2002, S. 29–44.

Zuerst erschienen in: Genealogie Heft 3-4 2004, S. 96 - 108. http://www.degener-verlag.com


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