Antonius Holtmann

Bohmte – Bremen – Public Landing.
Eine Erfolgsgeschichte aus Cincinnatis 19. Jahrhundert
 als genealogische Rekonstruktion
„Nicht was wir gelebt haben
ist das Leben,
sondern das,
 was wir erinnern,
 um davon zu erzählen.“

Gabriel Marcia Marquez


Gottfried Weber aus Barenau bei Engter im Osnabrücker Land ging im April 1834 „nach Amerika zu mit wenig Geld in der Tasche“. Eine „Kurtze beschreibung“ seines Lebens hat er 1877 für seinen Neffen in Deutschland in ein schmales in Leder gebundenes Heft eingetragen.

Das ist ein ganz von den eigenen Bedeutungszuweisungen  und –gewichtungen bestimmtes selektives Daten- und Interpretationsnetz, eine rückblickende Konstruktion der eigenen Lebensgeschichte, die aus dem Heuerhaus über die 10jährige Wanderschaft  des Bäckergesellen in Deutschland und in den Niederlanden und über die Arbeit am Kanal in Fort Wayne/Indiana, über die Arbeit im Steinbruch  in den florierenden Eisenwarenhandel an Cincinnatis Anlegestelle am Ohio (Public Landing) führte  und über einen eigenen 5 Jahre lang bewirtschafteten Weinberg schließlich ins eigene Geschäft auf der Main Street. Der Volkszähler registrierte 1860 ein Vermögen von 5500 Dollar. 1870, nach den Jahren des Bürgerkriegs (1861-1865), gab G. Weber 240000 Dollar an. Er hat vom Bedarf der rasant wachsenden Stadt profitiert  -  und vom Bedarf des Bürgerkriegs.

Der fremde Biograph möchte seine Rekonstruktion mit der Konstruktion des Memoirenschreibers verknüpfen. Ihn reizen Daten, die der Selbstbiograph in seinem Umfeld nicht berücksichtigen konnte und die dieser, bewusst oder unbewusst, nicht berücksichtigt hat. Viele Daten sind für immer verloren, einige leicht, zahlreiche aber auch nur mühsam zu beschaffen. Und immer ist abzuwägen und subjektiv zu bestimmen, wie weit die Netze des Kontextes gespannt, was miteinander verknüpft und welche Knoten wie gewichtet werden sollen. G. Webers „Kurtze beschreibung“ liefert Anknüpfungspunkte.

Dieses immer spannende, wenn auch zuweilen mühselige Geschäft soll hier skizziert, also aus der Arbeit an einer genealogisch-biographischen Edition berichtet werden, die neben die schon veröffentlichten Bauern-Briefe (Antonius Holtmann (Hg.): Ferner thue ich euch zu wissen . . . Briefe des Johann Heinrich zur Oeveste aus Amerika 1843 – 1876. Bremen: Edition Temmen 1996; vergriffen, aber online vollständig verfügbar ) und Soldaten-Briefe (Antonius Holtmann (Hg.):Für Gans America Gehe ich nich Wieder Bei die Solldaten . . . Briefe des Ochtruper Auswanderers Theodor Heinrich Brandes aus dem amerikanischen Bürgerkrieg 1862/63. Bremen: Edition Temmen 1999) diese Kaufmanns-Erinnerungen stellen und damit Mut machen sollen, bei genealogischen Rekonstruktionen behutsam ausgreifend über das bereits Vorliegende hinaus zu gehen. Der französische Historiker Alain Corbin hat gezeigt, dass dies sogar dann möglich ist, wenn nur wenige amtliche Eintragungen vorliegen (Auf den Spuren eines Unbekannten. Ein Historiker rekonstruiert ein ganz gewöhnliches Leben. Frankfurt/New York: Campus 1999).


Warum ist G. Weber „nach Amerika zu“ gegangen?

G. Weber ist im Jahre 1803 in einem Heuerhaus in Barenau bei Engter zur Welt gekommen, auf historischem Boden, bei Kalkriese, wo Hermann der Cherusker mit seinen Germanen im Jahre 9 das römische Heer unter Varus „aufgerieben“ haben soll (www.kalkriese-varusschlacht.de; www.arminius-varusschlacht.de). Diese Schlacht, ein „Abschlachten“ war es, zu rekonstruieren ist dort immer noch ein anstrengendes und angestrengtes archäologisches Unterfangen, das mich an Alain Corbins gelungenen Versuch erinnert, aus dem Standesamtsregister des französischen Departements Orne „mit geschlossenen Augen“ die Gemeinde Origny-le-Butin und Louis-Francois Pinagot (20. Juni 1798-31. Januar 1876) herauszugreifen, der im Gegensatz zu G. Weber keine dokumentierten Spuren und schon gar nicht eine eigenhändige „Kurtze beschreibung“ hinterlassen hat.

G. Webers Geburtseintrag ins Kirchenbuch ist wohl Verlusten im Bestand der St. Johannis Gemeinde in Engter zum Opfer gefallen. Erhalten geblieben ist als vorletzte Eintragung in Barenaus „Verzeichniß derer Copulirten“ die Eheschließung seiner Eltern Simon Amelius Weber und Margretha Charlotte Grünemanns am 7. Juli 1785. Man könnte noch aufspüren das Konfirmandenverzeichnis, Daten zur Bäckerlehre in Minden, zur 10jährigen Wanderschaft als Bäckergeselle in Deutschland und in den Niederlanden und zu seiner Verwaltertätigkeit in Bohmte.

Wir wissen nicht, warum G. Weber „nach Amerika zu“ gegangen ist „mit wenig Geld in der Tasche, aber immer gutes Mutes“.

Die Rahmenbedingungen sind schnell aufgezählt:
               „Heww`n up den Harwst wi noch kein Dack,
               Denn treck wie furt mit Sack un Pack,
               Denn treck w` de Kramersdörper nah,
               Denn gahn wi nah Amerika.“

Diesen gern als Auswanderursachen benannten Faktoren lag im Osnabrücker Land eine bestimmende Sozialstruktur zu Grunde, die nach dem 30jährigen Krieg die Zahl der landlosen Haushalte, also die der Heuerleute, exzessiv anwachsen ließ, während die der Kleinbauern und die der Großbauern so gut wie stabil blieb. Bauernhöfe gehörten in der Regel adeligen oder kirchlichen Grundherren, von denen sich loszukaufen den in Erbpacht  die Höfe bewirtschaftenden Bauernfamilien („Colonen“) erst ab 1831 nach und nach gelang. Heuerleute lebten in ärmlichen kleinen Heuerhäusern, gebaut nach dem Muster  der großen Bauernhäuser, auf deren Grund und Boden sie standen. Heuerleute waren durch zumeist jährlich zu erneuernde Verträge zu Zahlungen, vor allem aber zur willkürlich vom Bauern festzulegenden Arbeitsleistung verpflichtet. Weil die Aufteilung der Höfe im Interesse der Grundherren und später der eigenständigen Bauern, die diese Rechtstradition verinnerlicht hatten, untersagt, also nur der älteste bzw. der jüngste Sohn vor den Töchtern erbberechtigt war, produzierte dies die dominierende „Abstiegsmobilität“, d. h. die zunehmende Armut auf dem Lande. Die wachsende Zahl der Knechte und Mägde und der Stand der Heuerleute rekrutierten sich aus den eigenen Kindern, aber auch aus nicht erbberechtigten und nicht in Bauernstellen hineingeheirateten  Bauernkindern im Kontext der bereits genannten zunehmenden kindlichen Überlebenschancen. Jürgen Schlumbohm hat diese Probleme in  einer vorbildlichen lokalen Studie untersucht (Lebensläufe, Familien, Höfe. Die Bauern und Heuerleute des Osnabrückischen Kirchspiels Belm in proto-industrieller Zeit, 1650-1860. Göttingen: Vandenhoeck 1994).

Gesellschaftsstrukturen und gesellschaftliche Institutionen sind durchaus Bedingungsfaktoren für Auswanderung, aber die meisten der davon negativ Betroffenen sind nicht ausgewandert. Auswanderung ist immer auch eine individuelle Entscheidung. Zu bestimmen, welchen Anteil jeweils die Strukturen (z. B. die Besitz- und Herrschaftsverhältnisse), die Institutionen (z. B. Verwaltungsformen Rechtsbestimmungen und Verhaltenstraditionen) und  individuelle Entscheidungen nebst Zufällen (z. B.Vorlieben, Missernten) haben und wie weit all diese Faktoren mit welchem Gewicht aufeinander einwirken, ist schwer zu bestimmen und immer auch ideologie- und theorieabhängig rückblickend konstruiert. Je mehr Gewicht auf die Strukturen und Institutionen gelegt wird, um so eher erscheint uns Migration als ein den Migranten von den gesellschaftlichen Verhältnissen aufgezwungenes Vorhaben. Je mehr Gewicht auf individuelle Motive gelegt wird, um so eher erscheinen die Migranten unabhängig und frei in ihren Entscheidungen. Wer Strukturen und Institutionen betont, ist sich eher sicher über die Ursachen und weiß (?) zuweilen mehr als die Betroffenen, und wer individuelle Motive betont, hält sich eher mit Gewissheiten zurück, zumal angesichts spärlicher Selbstbekenntnisse der Betroffenen.


Was die „Kurtze beschreibung“ anbietet

G. Weber hat seine Gründe nicht genannt. Zielstrebig haben  er und seine Mitreisenden aus Bohmte und Umgebung sich auf den Weg gemacht nach Fort Wayne, einem Nest im Urwald des nordöstlichen Indiana, wo Tausende Arbeit fanden beim soeben beginnenden Kanalbau.

Seinen Bericht darüber objektivierend zu ergänzen  ist nur über einige unzulängliche Daten möglich. Der „Bericht des Amtes Wittlage Hunteburg, den15ten November 1834, betreffend die Auswanderung nach Amerika im Jahre 1834“ enthält keine Namen, wohl aber Zahlen: 275 Personen wurden insgesamt registriert, 60 ledige Männer und 11 ledige Frauen und 49 Familien mit 204 Angehörigen. Das Amt Hunteburg schätze den von diesen Auswanderern in die USA mitgenommenen „ohngefähren Betrag des baaren Vermögens“ auf 27506 Taler. (Staatsarchiv Osnabrück)

45 Taler Gold habe er für die Schiffspassage bezahlt, schreibt G. Weber. „38 Taler Gold Durchschnittspreis“ verlangte der „Schiffsmäkler J. D. Lüdering“ am 12. Februar 1834 in einer Anzeige in den „Osnabrückischen Öffentlichen Anzeigen“. Wir wissen nicht, wer mit G. Weber auf der „Eleonore & Henriette“ war (Die Passagierliste ist wohl nicht erhalten.), aber wir wissen aus einem Bericht in den „Oldenburgischen Blättern“ (10. März 1835) von 100 Passagieren an Bord: Das Schiff sei von Bremerhaven nach New York vom 10. April bis zum 23. Mai 1834 unterwegs gewesen.

„80 Personen ohne Kinder“, erinnert sich G. Weber 40 Jahre später, seien allein aus „Bomte“ gekommen. Man habe den Ort „den 2. Ostertag (31. März 1834) . . . mit Musik“ verlassen. G. Weber hat am Abend des 10. April die in der Wesermündung gestrandete „Shenandoah“ gesehen; Hilfe habe man von der „Eleonore & Henriette“ aus nicht geleistet . Er vermutet 125 Tote, aber von 192 Passagieren sind nach Angaben des bremischen „Amtmann zu Bremerhaven“ 162 gerettet worden. Das Staatsarchiv Bremen bewahrt die Unterlagen des Untersuchungsverfahrens.

Von New York aus ging es per Schiff den Hudson hinauf bis Albany, dann in Treidelbooten den Erie-Kanal hinauf (83 Schleusen!) bis Buffalo, über den Erie-See nach Toledo und von dort in kleinen Booten (Kanus oder Pirogen, d. h. Einbaum-Boote mit durch Planken erhöhten Bordwänden) dem Maumee-River aufwärts bis Fort Wayne.

Von G. Weber gibt es keine Spuren in Fort Wayne und von seinen Mitreisenden vielleicht einige, die aber der fehlenden Namen wegen nicht mehr zu entdecken sind. Erst 1837 gab es eine deutsche evangelische Kirchengemeinde. Nichts steht in den Zeitungen und auch nichts in den Gemeindeunterlagen.

G. Weber berichtet von harter Arbeit, schlecht bezahlt, und von Fiebererkrankungen, die seine Leute aus Bohmte dahingerafft haben sollen. Briefe eines anglikanischen Geistlichen bestätigen zahlreiche Todesfälle, wollen aber in Fort Wayne von der im Lande grassierenden Cholera nichts wissen. Auch G. Weber erkrankt, erholt sich nur nach und nach, findet Arbeit in einer Kantine. Er geht im Herbst 1834 nach Cincinnati.


Diese Stadt ist die verlockende „Königin des Westens“ am Ohio, dem Ausgangspunkt für viele, die sich nach einiger Zeit in Ohio, Indiana und Illinois niederließen, im damaligen Westen, der nur bis zum Mississippi reichte, hinter dem das noch 1830 den Indianern zugesicherte („so lange das Gras wächst und die Wasser fließen“) Land lag. 5 % der 1830 gut 24000 Einwohner waren Deutsche, 1860 waren es  knapp 50000 von gut 160000. G. Weber findet Arbeit im Steinbruch, sehr bald aber schon in Shoenbergers Eisenwarenhandel an Public Landing, dem „Hafen“ der Stadt am Ohio. Die Familie Shoenberger war eine der ersten Adressen in Pennsylvanias Stahlindustrie rund um Pittsburgh. Jetzt erschloss sie sich die aufblühenden Märkte den Ohio und den Mississippi hinab bis nach St. Louis und Memphis. G. Weber avancierte für 20 Jahre zum Adlatus dieses Zweiges der deutsch-amerikanischen Shoenberger-Familie. Er verwaltete schon bald die Geschäft am belebten Hafen, ging mit dem Herrn des Hauses und dessen Kinder auf die Jagd.


Er erlebte um 1867 den Bau der herrschaftlichen Villa (440 Lafayette Avenue im vornehmen Stadtteil Clifton: jetzt „Scarlet Oaks Retirement Community“: http://scarletoaksretirementcommunity.com) mit dem ungehinderten vereinnahmenden Blick auf Spring Grove („Frühlingshain“), dem von Adolph Strauch (1822-1883, vom Fürsten von Pückler geförderter Landschaftsgärtner aus Schlesien) als Parklandschaft gestalteten Friedhof des wohlhabenden und nicht kirchlich verpflichteten Bürgertums der Stadt. Der an den Parkanlagen von Muskau und Branitz geschulte „Gärtner“ hat auch das Umfeld der Shoenbergerschen Villa entworfen.

 
Der Cincinnati Enquirer (5. Dezember 1880) nannte George H. Shoenberger einen „Iron King“(„Eisen-König“), der sich zur Ruhe gesetzt habe. Er lebe in einer (palastartigen) „palatial residence“, und sein Vermögen werde auf „$ 5.000.000“ geschätzt. Die New York Times (10. Dezember 1880) übernahm den Bericht: „“CINCINNAT’S RICH MEN. SOME OF ITS CITIZENS WHO ARE CREDITED WITH THE POSSESSION OF MILLIONS”.


Auf Spring Grove hat G. Weber sich schon 1873 für 470 Dollar eine Grabstelle gekauft „für unser Ganze familige“ und einen Obelisk (grch. „Bratspießchen“) darauf gestellt, „20 fuß hog“ für „1500 Dollar“: „Nach den Tode wird Ein jeder Vergesen, und es ist auch gut. Aber ich denke, ich Habe ihr eine Erinrung Nach gelassen. Des Halb Habe ich den Platz gekauft und ein schönes denkmahls Richten Lassen . . .“ G. Weber hatte sich damit ins wohlhabende Bürgertum eingekauft. (www.springgrove.org/Cemeteries.shtm > Locate a Loved One > Search By Name: First Name: Gottfried; Second Name: Weber > ID 49338.   -   Oder zur Familiengruft: Search By Location: Garden: Land; Section: 14; Lot: 7)

G. Weber geht recht kritisch mit seiner Familie um. Er berichtet vom Streit mit seinen Söhnen: „Da die Kinder Klein waren, hatte ich Vergnügn, da sie Menner Sein, Verdruß“. Er berichte vom Streit mit seiner Frau. Sie sei ihm niemals eine „Stütze“ gewesen: „Was ein Kloz ist, bleibt ein Klotz“.

G. Weber berichtet, er habe 1860 das Osnabrücker Land besucht, wo er sich aber nicht mehr wohlgefühlt habe. An Bord des ersten Überseedampfers des Norddeutschen Lloyd, der „Bremen“, ist er sehr wahrscheinlich am 26. Juli 1860 in New York eingetroffen. Die Passagierliste registriert im Zwischendeck einen amerikanischen „Farmer Gottf. Weber, 46 years“, auf dem Weg nach „Cincinnati“ (National Archives, Washington D.C.: Original New York Passenger Lists). Er hatte seinen „Weinberg“ (Vgl. den übernächsten Absatz.) zwar seit 1859 verpachtet, aber noch nicht verkauft (1862). Da war „Farmer“ eine angesehene und auch wohl noch zulässige Berufsbezeichnung. Wenige Tage vor Ablegen (7. Juli 1860) der „Bremen“ in Bremerhaven war er 56 Jahre alt geworden. Man könnte sich beim Eintragen des Alters verhört oder vertan haben, oder Gottfried Weber hat sich um 10 Jahre „verjüngt“.


Wohlgefühlt hat er sich aber 1867 in Berlin, im Haus Bethanien, dem unter königlicher Protektion stehenden Diakonissenkrankenhaus in Kreuzberg (heute: www.kunstraumkreuzberg.de). Albrecht von Graefe (1828-1870), Berlins berühmter Augenarzt der Reichen und der Armen (Als erster hat er den Grauen Star operiert.), hatte ihn behandelt  und „Schwester Julie“ hat ihn in Bethanien gepflegt, ihm das „Leben gerettet“. Er schenkte ihr, gegen alle Vorschriften scheint man es geduldet zu haben, eine goldene Uhr und im Gottesdienst wurde er verabschiedet. Mit dem amerikanischen Raddampfer „Northern Light“ traf er am 29. August 1867 in New York ein, begleitet von seinem Sohn Wilhelm. Als 60jähriger ist er in der Passagierliste eingetragen. Als er am 10./11. August 1867 in Bremerhaven an Bord ging, war er seit 7 Wochen 64 Jahre alt (National Archives, Washington D.C.: Original New York Passenger Lists.).

Und er erzählt von seinem „Weinberg“, den er von 1850-1862 besessen und doch noch mit Gewinn (2000 Dollar) verkauft hat, obgleich die Reblaus das Experiment am Ohio, auf das sich einige Deutsche eingelassen hatten, zunichte machte, bevor der Schädling auch den Atlantik überquerte und europäische Weinberge verheerte. Nach diesem Zwischenspiel findet er rechtzeitig, zu Beginn des Bürgerkrieges (1861-1865), zurück in den Eisenwarenhandel, und mit dem während des Krieges für Handel und Schmuggel vorteilhaften unentschiedenen Kentucky vor der Tür: „Man Muß das Eisen Hammer, so Lange bis es noch Heiß ist“. Das hat er mit Erfolg getan: Die Volkszählung (Census) von 1860 weist den Wert seines immobilen Vermögens mit $ 15.000 und den seines mobilen Vermögens mit $ 500 nach. 1870 sind es $ 40.000 bzw. $ 200.000 (National Archives, Washington D.C.: Census 1860, 1870).

1862 hat er seinen eigenen Eisenwarenhandel an der Main Street Nr. 360 zwischen der 8. und der 9. Straße (Heute parkt man dort innerstädtisch: http://maps.google.com > Satellit > Street View: 842 Main St., Cincinnati, Ohio, United States.) 1863 gehört ihm das bebaute Grundstück gegen Zahlung von $ 1.500 (Hamilton County Courthouse: Deed Book). Und er wohnt auch hier zunächst. 1865 registriert Williams’ Cincinnati Directory ihn und seine Söhne Georg und Wilhelm: „Weber & Co. (Gottfreid W & Geo. W. W. W.), Dealers in Hardware, Iron, Nails and Steel, 360 Main“), 1867 nur noch seine drei Söhne Wilhelm, Martin und Georg. In diesem Jahr kaufen sie noch das nördliche Eckgrundstück zur 9. Straße hinzu; 1914 erhalten die Erben dafür von der Second National Bank $ 20.000 (Deed Book). Deren „Neubau“ steht dort noch heute (http://maps.google.com > Satellit > Street View: 872 Main St., Cincinnati, Ohio, United States).

Schon 1864 hat Gottfried Weber zwei Wohnhäuser gekauft, nur wenige Schritte vom Geschäft entfernt, in der 8th St. (Nr. 14/16 West), zwischen Main St. und Walnut St., nicht im deutschen Viertel, (selbst-) ironisch „Over the Rhine“ genannt (nördlich des verdreckten innerstädtischen Teils des Miamie-Erie-Kanals, heute Central Parkway), sondern in guter angelsächsischer Lage in der Innenstadt. $ 13.000 hatte er dafür hergegeben (Deed Book): „Der Handel ging gut und es wurde auch was verdient“. In Simon Arnolds Saloon, seit 1861 in der 8. St., , nur wenige Schritte von Geschäft und Wohnung entfernt, dürfte er nicht eben selten mit geschäftsfreunden eingekehrt sein.. Haus und Einrichtung sind bis heute weitgehend erhalten (www.arnoldsbarandgrill.com).

Der deutsche Alltag in Cincinnati wird nicht erzählt, nicht sein 15monatiger (1844-1846) Dienst in der Feuerwehr, nicht die Deutschen und Iren geltenden Krawalle nativistischer Gegner der Masseneinwanderung armer und ärmster Europäer, nicht die Kriegsgegnerschaft der Demokratischen Partei. Er attackiert sie, aber nur ihre katholische Klientel. Er ergreift Partei für Abraham Lincoln und für die Republikaner: Gottfried Weber ist wohlhabend geworden.


Was die „Kurtze beschreibung“ nicht anbietet

Was nun folgt, mag G. Weber im Jahre 1877 nicht eingefallen sein oder eben mit guten Gründen verschwiegen haben; wir wissen es nicht.

 Seine Steuerzahlungen zum Beispiel: Ich habe sie in Cincinnati (noch) nicht gefunden. Sie könnten  dem Niederbrennen der Kreisverwaltung (Hamilton County Courthouse) im Jahre 1884  zum Opfer gefallen sein, als eine aufgebrachte Menge nach einem als rassistisch wahrgenommenen Urteil in einem Mordprozess zu Gunsten eines Deutschen das Gebäude stürmte.

Seine Hochzeit zum Beispiel: Am 27. Februar 1835 hat er Cathr. Elisabeth Boje geheiratet. Sie kam aus „Herde (?) bei Osnabrück“. Er mag sie schon in Deutschland gekannt haben, denn wenige Wochen nach seiner Ankunft in Cincinnati haben die beiden in der deutschen evangelischen reformierten und lutherischen St. Johannes Kirche vor dem Traualtar gestanden. Sie haben nicht heiraten „müssen“: Der älteste Sohn Martin ist am 15. Februar 1836 zur Welt gekommen.

Seine Kirchengründungen zum Beispiel: Bei der turbulenten Abspaltung der Lutherischen „Plattdeutschen Kirche“ war er mit von der Partie. Als „Norddeutsche Lutherische Kirche“ (Walnut St. / 9. St.; nicht erhalten) war sie aus der „Deutschen Lutherischen und Reformierten St. Johannes Gemeinde“ (Seit 1868 an der Elm St. / 12. St.: http://maps.google.com  > Satellit> Street View: 1222 Elm St., Cincinnati, Ohio, United States) hervorgegangen:


„Um der Streitigkeiten von 1838 willen kann . . . Niemand in den Kirchenrath gewählt werden, der der Plattdeutschen Sprache nicht mächtig ist“, schrieben die Gründungsväter sich in ihre „Constitution“. St. Johannes reagierte prompt in seiner wohl daraufhin überarbeiteten „Verfassung“ von 1839: „Um allen provinzialischen Vorurtheilen vorzubeugen findet es die Gemeinde für nothwendig, nur drei Gemeindemitglieder aus einer Provinz zu wählen. Alle Norddeutschen zählen jedoch zusammen nur eine Provinz“.

 1845 ist G. Weber wieder dabei, als sich eher liberale Mitglieder von den norddeutschen Lutheranern abspalten: „§ 2: Die Eigenthümer der Kirche nennen sich: ‚Deutsche evangelische St. Paulus Gemeinde’. Sie können sowohl zur lutherischen, als zur reformierten Confession sich bekennen“. G. Weber sagt nichts zu den Aktivitäten, die er dort im Kirchenrat, als Hüter der Finanzen, entfaltet hat. 1850 stimmt er gegen einen neuen Kirchenbau (Seit 1851 an der Race St. / 15. St.: http://maps.google.com > Satellit > Street View: 1448 Race St., Cincinnati, Ohio, United States): Er kehrt zur lutherischen und Reformierten St. Johannes - Gemeinde zurück. Dort ist sein Name im Sterberegister eingetragen (29. September 1890).

Seine Gründungsmitgliedschaft im „Deutschen Pionier-Verein von Cincinnati“ (1869) zum Beispiel (online): Lange Jahre ist G. Weber dort „Schatzmeister“ gewesen. „Der Deutsche Pionier(online)  (18 Bände), war das Vereinsblatt, eine Fundgrube für die Geschichte der ersten deutschen Einwanderer im Mittleren Westen. Die „Constitution“ sagt in § 2: „Jeder eingewanderte Deutsche, welcher 25 Jahre in Cincinnati oder Umgegend gewohnt, und das Alter von 40 Jahren erreicht hat, kann durch Stimmenmehrheit aufgenommen . . . werden“. Die 48er Revolutionäre, Schreibtischtäter in den Augen so mancher Bauern, Handwerker und Kaufleute, blieben dadurch zunächst einmal außen vor  -  zumindest 4 Jahre lang:

        „Ja fördert Ihr die deutsche Sitte!
        Nicht Politik, nicht Religion
        Sei jemals in der Kämpen Mitte
        Der Gegenstand der Discussion.
        Nein! Festigt enge Bande!
        Webt das Erlebte froh hinein!
        Weit klingt der Ruf im ganzen Lande:
        Hoch deutschem Pionierverein!“

Seine amerikanische Überlieferung des „Lied(es) aus Amerika“ zum Beispiel: Hier im Pionierverein hat G. Weber 1875 das „Lied aus Amerika“ vorgelesen : (online)

       „Heil Dir Columbus, sei gepriesen,
       Sei hochgelobt in Ewigkeit!
       Du hast uns einen Weg gewiesen,
       Der uns aus harter Dienstbarkeit
       Erretten kann, wenn man es wagt
       Und seinem Vaterland entsagt.“

Nahezu gleichlautende 49 Strophen dieses Gedichts (online) kursierten im Frühjahr 1833 im Osnabrücker Land,  angeblich verfasst von einem „Franz Lahmeyer“ als „Sinnreiche Einfälle in Stunden froher Laune über mein Vaterland Europa verglichen mit den vereinten Amerikanischen Staaten, gewidmet für meine europäischen Freunde im Königreich Hanover“. Im „Amte Wittlage – Hunteburg“ sei es vor allem verbreitet worden, berichtete der „Landdragoner Lange“ seinen Oberen. Es schildere „die großen Vortheile America`s gegen die deutsche Verfassung“, und es könne „sich hauptsächlich zur Aufwiegelung eignen . . . oder eine Aufmunterung sein, das Vaterland zu verlassen, weil der jetzige Zeitgeist für so etwas besonders empfänglich“ sei. Das „Königlich Großbritannisch – Hannoversche Ministerium des Innern“ reagierte im Mai 1833 gelassen. Das Gedicht sei bei Gelegenheit zu „konfiszieren“, und dann seien halt auch „die Besitzer der gedachten Verse über deren Unwerth und schlechte Tendenz auf eine angemessene Weise aufzuklären“ (Staatsarchiv Osnabrück). „Nachdem aber keine gedruckten Exemplare mehr zu haben waren, wurden viele hundert Copien im Geheimen abgeschrieben, und wenn die Burschen in den Schenken sich von der Beobachtung der Polizei frei wähnten, dann wurde angestimmt: Heil dir, Columbus, sei gepriesen“. Das schrieb Heinrich Arminius Rattermann, „Redacteur“ des „Deutschen Pionier“, aus Ankum (Landdrostei Osnabrück) gebürtig, , als er G. Webers „einziges . . . zur Verfügung stehende augenscheinlich fehlerhaft copirte Exemplar“ druckte, „etwas abgefeilt, um es einigermaßen mundgerecht zu machen, jedoch so, dass es den ursprünglichen Charakter bewahrt hat“. Das „nach Orthographie und Syntax höchst mangelhafte Gedicht“ habe „zu Anfang der dreißiger Jahre vielfach junge Leute aus den oldenburgischen und osnabrücker Landen zur Auswanderung“ angeregt. Franz Joseph Stallo, Buchbinder und wohl auch Buchdrucker und Dorfschullehrer im südoldenburgischen Damme (Oldenburger Münsterland) habe es im März/April 1831 aus den USA erhalten und in Damme gedruckt und verbreitet. Man habe ihn mehrere Monate inhaftiert. Danach sei er im Herbst 1831 in die USA ausgewandert, „über Philadelphia“. Franz Joseph Stallo ist aber schon Ende April 1831 mit der „Juno“ nach New York gereist und dort am 22. Juni 1831 eingetroffen (National Archives Microfilm Publications, M 237, Roll 14).
 Zumindest hat Gottfried Weber eine Abschrift mit nach Amerika genommen und 40 Jahre lang aufbewahrt, wer immer auch den Text (ab)geschrieben und verbreitet haben mag (online).

Ein Nachruf

G. Weber hat für seine „Kurtze beschreibung“  anderes ausgewählt und in ihr auch andere Akzente gesetzt als der Nachruf aus dem Jahre 1890 im mittlerweile vom Monatsblatt zum Jahresbericht des Vorstandes geschrumpften „Deutschen Pionier“. Dieselben Daten ergeben unterschiedliche Bilder, und in der Erinnerung, aber auch aus Unkenntnis wird  so Manches verfälscht.  Er ist z. B. erst 1834 nach Fort Wayne ausgewandert und nicht schon 1821 nach Cincinnati. Im Februar 1835 hat er geheiratet und nicht im Mai 1835 (St. Paul, Familienregister, 1845). Seine Braut hieß nicht Boeser, sondern Boje. Und glücklich war die Ehe auch nicht. Und bei der Feuerwehr hat er nur kurzzeitig ziemlich passiv gedient („an einer Erkrankung in der Brust leidend“), von Anfang Januar 1844 bis Anfang April 1846 (Cincinnati Museum Center).

Eine Nachbemerkung

Dieser Bericht aus meiner „Werkstatt“ mag  den einen oder anderen ahnen oder auch bewusst werden lassen, wie weit das Netz gespannt werden kann, in dem Gottfried Weber gelebt hat. Es lässt unterschiedliche Verknüpfungen der Bezugsfäden zu, unterschiedliche Gewichtung der entscheidenden Knotenpunkte auch. Und es lässt Veranschaulichungen zu, die unterschiedliche Lebensbilder entstehen lassen, Konstruktionen eben. Im Konjunktiv dürften Memoiren und Nachrufe und  Biographien zumeist nur geschrieben sein.

Ich wollte ermutigen zu eigenen Re-Konstruktionen  -  mit dem Konjunktiv im Hinterkopf als genealogische „reservatio mentalis“.

[Dieser 2010 nur online angebotene überarbeitete und nun reichlicher bebilderte Vortrag ist erstmal erschienen in: Die Maus, Gesellschaft für Familienforschung e. V. (Hg.): Genealogie und Auswanderung: Über Bremen in die Welt; Grußworte und Vorträge zum 54. Deutschen Genealogentag in Bremen. Clausthal-Zellerfeld:  Papierflieger 2002, 59-70. Die Erstfassung  steht auch online zur Verfügung: www.genealogienetz.de/vereine/maus/blaetter/dgt2002_seite_59-70.pdf.  Belege für die Aussagen in der hier referierten Skizze befinden sich in der Forschungsstelle Deutsche Auswanderer in den USA (www.dausa.de). Eine Veröffentlichung der „Kurtzen beschreibung“ des Gottfried Weber, umfassend eingeleitet, bebildert und annotiert, ist absehbar.]

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